Die Lektüre erscheint wie ein Abend mit dem Autor, der vergilbte Fotos aus dem Schuhkarton zieht und kleine Geschichten zum Tag der Aufnahme zum Besten gibt. Und wie von selbst versetzen wir uns in das Leben dieses englischen Flottenbeamten des 17. Jahrhunderts. Wir fühlen den Puls der damaligen Zeit, fast wie in einer historischen Lindenstrasse, aber weder telegen geglättet noch dramatisch überhöht.
Pepys'waches Auge seziert das öffentliche gesellschaftliche und politische Leben Londons, er beschreibt trefflich die Ränkespiele am englischen Hof ebenso wie die Günstlings- und Vetternwirtschaft in der öffentlichen Verwaltung, in der er arbeitet. Dabei werden wir Zeitzeugen wichtiger historischer Ereignisse wie der Rekonstitution der Monarchie, der grossen Pestepidemie und des grossen Brandes von London.
Diese Analyse des öffentlichen Lebens verflicht Pepys charmant mit der Darstellung seiner persönlichen Lebenssituation bis in ihre intimsten Winkel. Und die ist ein bunte Szenerie: Seine unbändige Lust am Theater, seine ausgeprägte persönliche Eitelkeit, seine Freude an gutem Essen, seine schamlose Schürzenjägerei, die Streitereien mit seiner Frau, sein berufliches Fortkommen, seine wissenschaftliche Neugier, die regelmässige Analyse seiner wirtschaftlichen Situation, die Fährnisse des alltäglichen Lebens, seine persönlichen Ängste, alles wird beleuchtet bis hin zu den Niederungen seiner eigenen Verdauung.
Die Qualität zieht dieses Tagebuch aus Pepy's schonungslosen Ehrlichkeit auch sich selbst gegenüber - und offenbart dabei zwei Dinge, die wir heute so häufig vermissen: Menschlichkeit und pralle Lebensfreude.