"Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten. Und doch vollzieht sich das
menschliche Leben oder erfüllt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst."
(Max Frisch)
Max Frisch (1911-1991) würde am 15.Mai 2011 genau 100 Jahre. So alt hätte er nur zahlenmäßig werden können, war doch sein Leben an Reisen und an Jugend gekoppelt. Betracht man all seine Werke, dann entdeckt man den jungen
"Homo faber" mit seinen Ländern und Geliebten, dann weiss man um Geiser, der stellvertretend im
Holozän erscheint und seine Erinnerungen schrieb, man weiß um Frisch selbst, der nicht er selbst war, wie auch
"Stiller" nicht Stiller sein wollte, aber immer auf dem Weg zum Ich. Man begegnet ihm mehr oder weniger privat in
"Montauk" , weiß dann um seine "Brook-lynn" auf der Insel und erkennt sein Streben nach sich selbst im wohl geheimnisvollsten Roman, der die
"Antwort aus der Stille" gab.
Wenn man gerade von dem Menschen, der uns nahe ist, nichts weiß, dann ist man mitten in den Tagebüchern aus der Nachkriegszeit. "Du sollst Dir kein Bildnis machen" ist diese wunderbare Geschichte, in der das Lieben genügt wie an anderer Stelle das Glauben. Der Mensch als Geheimnis und damit auch Frisch selbst als Geheimnis und doch scheinen seine Bücher von dieser Offenbarung ewiger Jugend, die er sich verspricht. Nicht ankommen, kein Ende eines Traumes, alles "verzweifelte Notwehr" auf Kosten der Wahrhaftigkeit. "Was wichtig ist: das Unsagbare, das Weiße zwischen den Wortern", weil dort das steht, was wir meinen. Wenn wir es sagten, so Frisch, dann entfernen wir uns, "alles, was einmal zum Wort wird, einer gewissen Leere anheim fällt". Was ist das Leben?, so die immer währende Frage dieses Autors und weil er fragt in der Zeit des Nachkriegs und immer wieder sucht, bleibt er jung, Zeitgenosse unserer Welt und doch Berichterstatter vom Erbe der Vergangenheit. All seine Werke sind eine Suche nach einem bedeutenden Leben oder nach dem, was dem Leben Bedeutung geben kann. Aber wie? Als wenn "es genügte, wenn man den Mut hätte, jene Art von Hoffnung abzuwerfen, die nur Aufschub bedeutet" führt er doch seine Protagonisten als große Menschen in den Ring, eine Sehnsucht nach männlicher Tat ihnen eigen, wie Iris Radisch schrieb, und immer mit der Frage, die am Berg gestellt war: "Wie wollen wir leben?"
Auch bemerkt Frisch dieses: "wenn wir zuweilen die Geduld verlieren, unsere Meinung einfach auf den Tisch werfen und dabei bemerken, dass der andere zusammen zuckt, berufen wir uns mit Vorliebe darauf, dass wir ehrlich sind." Offen gestanden! ist eben jene Redewendung, die die Ungeduld in Zufriedenheit wenden soll. Oder - so Frisch - es bleibt nur die Artistik für das Unbequeme, damit der andere dem Zorn nicht entgegnen kann.
"Wer eine Überzeugung hat, wird mit allem fertig. Überzeugungen sind der beste Schutz vor dem Lebendig-Wahren." Eben. Frisch ist Moralist ohne Prediger zu sein, er ist Reisender ohne Ankunft, er ist Lebender ohne Alter, er ist Utopist ohne Realität. Ein ewig junger eben, voller Sentimentalität und Ironie, voller Abriss und Neubau, voller Liebe und Leid, voller Stirb und Werde mit der Einsicht, ein unvollendeter Mensch zu sein. Aus diesem Grunde lesen wir die Hundertjährigen, weil es so ist mit den Toten: man redet mit ihnen,
aber sie denken nicht um.
Fazit: Eine Reihe von klugen Gedanken, Ideen und Anregungen sind hier zu lesen. Gleichzeitig gibt er ein Zeitbild für die Zeit des Neuanfangs nach dem Krieg. Und manche kurzen Gedanken, Lebensspotts, die wie eingestreut wirken, ergänzen das Bild. Längere Passagen sind beginnende Szenen zu den diesem Tagebuch folgenden Werken. Ein erster frischer Frisch zum Kennenlernen.
~~