Es muss ungefähr 15 Jahre her sein, als im 'Literarischen Quartett' der letzte Band der Mann-Tagebücher (1955) besprochen wurde, der zu dieser Zeit gerade veröffentlich wurde. Von Thomas Mann kannte ich bis zu diesem Zeitpunkt nur die Zauberberg-Verfilmung.
Die Besprechung machte mich neugierig und ich holte mir diesen Band am nächsten Tag in der Stadtbücherei. Natürlich konnte ich zunächst nicht allzu viel mit dem Buch anfangen - es tauchten viele Namen und einige Abkürzungen auf, die mir nichts sagten. Und zum ständigen Nachschlagen im ausführlichen Kommentarteil fehlte mir die Geduld.
Trotzdem fesselten mich die kleinen und grossen, spektakulären und banalen Beschreibungen aus dem Leben des Nobelpreisträgers. Nach und nach holte ich mir auch die restlichen Bände. Jahre später, als die hier rezensierte günstige Gesamtausgabe erschwinglich war, stellte ich mir alle Bände ins Regal.
Ich habe die Tagebücher inzwischen schon zweimal komplett gelesen und finde immer mehr interessante Einzelheiten. Zum einen erfährt man unglaublich viele Details aus der deutschen Geschichte - die Tagebücher umfassen ja mit nur einer einzigen grossen Lücke immerhin auch die Schlüsseljahre 1918, 1921, 1933, 1939, 1945 usw. Es ist schon faszinierend, die Revolutionszeit nach Ende des 1. Weltkrieges (zum Beispiel) nicht aus einem nüchernen Geschichtsbuch sondern aus erster Hand von einem Augenzeugen zu erleben, der die nächtlichen Schüsse im Münchner Herzogpark selbst gehört hat.
Zum anderen wird man natürlich auch neugierig auf den Menschen und Schriftsteller Thomas Mann, auf seine Tochter Erika, den Sohn Klaus und die vielen, vielen anderen berühmten Menschen, die sich damals im Umfeld der Manns bewegt haben.
Die Tagebücher wirkten auf mich wie ein Katalysator - über das Studium dieser Sekundärliteratur bin ich endlich zum Lesen des Schrifstellers Thomas Mann gekommen. Und sogar den Roman 'Wallenstein' seines Sohnes Golo habe ich erst durch die Anregung der Tagebücher erstmals in die Hand genommen. Für mich war diese Lektüre ein grosser Gewinn!
Aber Achtung - wenn man sich in diesen Bänden erst einmal festgelesen hat, dann besteht aktute Suchtgefahr. Sie werden auf lange Zeit nichts anderes mehr zum Schmökern benötigen.