Man soll doch nichts beschreien: Gerade war ich am Lesen der "Sartre"-Biographie von Robert-Henry Lévy und dachte beim Lesen immer, es ist doch wahrlich nicht zu fassen, in welch unnachahmlicher Weise die französischen Intellektuellen und Absolventen der Grande Ècoles miteinander umgehen, die Elite Frankreichs also - literarisch - unter sich: so gehässig wie gebildet, so liebevoll über einander unterrichtet wie hinterhältig, so etwas könnte es doch wohl in Deutschland gar nicht geben, und gibt es doch wohl auch gar nicht, dachte ich jedenfalls, aber der grosse und nun doch einmalige und eben auch unnachahmliche Fritz J. Raddatz hat mich mit seinen soeben erschienenen "Tagebüchern" eines sehr guten Besseren belehrt. Ich bin überzeugt, man darf ihm, ohne zu stolpern, in jedem seiner Sätze vertrauensvoll folgen.
Dreissig Jahre lang hatte ich einmal die Zeit gelesen, ihre "Bücher" stets sorgfältig auseinander haltend: Die "Politik" zum lernenden Vergleichen, die "Wirtschaft" zum kopfschüttelnden Wundern über soviel versteckter Verlogenheit und Systemstütze, aber das Feuilleton, das war immer - von 1960 bis zum Rausschmiss von FJR - unübertreffbar, und das war für jeden Leser einsehbar das Werk zuerst von Rudolf Walter Leonhardt und dann eben von Fritz J. Raddatz. Diese FeuilletonZEIT, das war für mich der vollgültige Ersatz für die versäumten zehn Semester Germanistik und Deutsche (und internationale) Literaturgeschichte.
Jetzt räumt FJR sorgfältig und immer noch sowohl mit leichter Hand als auch in allem sehr fundiert mit der deutschen Elite auf, und zwar auf allen Gebieten der sogenannten Kultur, der Gesellschaft und der Politik. Alle werden sie sich drängeln und lauthals fragen, ob sie denn auch in Raddatz' Buch vorkommen mögen. Denn wer hier nicht erwähnt wird, der kann sich gleich selber die Kugel geben. Er verprügelt sie alle, die es verdient haben, weil sie ihn nicht genug liebten, aber er lässt ihnen auch allen mit ihren menschlichen Macken Gerechtigkeit widerfahren, denn: Er hat sie alle, für die er sich - schreibend - krumm gelegt hat, am guten Ende auch selber geliebt, die vielen Autoren und ihre geliebten und verfluchten Bücher. Das eleganteste in diesem wunderschönen Buch, das ist FJR's subtile Rache am grossen Bucerius, am noch grösseren Schmidt, an Theo Sommer und - sehr herrlich - an der sich selbst vergöttert habenden Gräfin. Ein Nachschlagbuch, das man/frau sich unbedingt in den Bücherschrank stellen müssen, weil es leider so leicht ist, zu vergessen, was uns allen diese Elite in der Vergangenheit angetan hat. Möge er, der FJR, bitte einhundert Jahre alt werden.