Joseph Goebbels' Tagebücher gehören zu den wichtigsten historischen Primärquellen des Dritten Reiches; von den Studententagen an bis zu seinem Selbstmord in der Reichskanzlei hat der spätere Propagandaminister Aufzeichnungen geführt, die von der politischen Lage in Deutschland während der Weimarer Republik, seine Propagandatätigkeit, bis hin zu seinem Privatleben und zahlreichen Affären jeden Bereich seines Lebens mit überraschender Offenheit dokumentieren.
Besonders erstaunt, dass man hier kaum von einem ideologisch-intellektuellen Wandel eines Durchschnittsbürgers zum Nationalsozialismus sprechen kann, da Goebbels' Aufzeichnungen schon während seiner Studententage eine antisemitische Tendenz aufweisen, deren Schärfe weit über jedes kleinbürgerliche Ressentiment aus dieser Zeit hinausgeht. Auch ansonsten bieten die Tagebücher zahlreiche Einblicke in die Person Joseph Goebbels und den Zeitgeist, in dem er aufwuchs, die von keinem Historiker nachträglich rekonstruiert werden könnte - bereits 1924 notiert er mit fast entwaffender Offenheit "Ich wandle mich zu einem Demagogen übelster Sorte"'; und auch sein Eintrag zu seinem ersten Treffen mit Adolf Hitler lässt einen nachträglich fast erschauern.
Diese Aufzeichnungen waren niemals unter Verschluss, oder unterlagen (anders als "Mein Kampf") einem Verbot, aber es war dringend notwendig, dass drei Generationen nach Kriegsende und in Zeiten einer gefestigten Demokratie endlich eine annotierte, historisch überarbeitete Sammlung dieser Texte auf den Markt kam. Schade ist nur, dass die neue Edition von so bescheidener Güte ist.
Es handelt sich zuallererst bei dieser Ausgabe, um eine purgierte Edition (im Musikgeschäft würde man von einem "Best-of" sprechen); zwar eine sehr großzügige Auswahl (immerhin fünf Bände), aber es sind eben nicht die kompletten Aufzeichnungen. Gerade aus Goebbels' Jugendtagen wurde eine Menge Material unterschlagen, aber auch in seiner späteren Karriere endet fast jeder zweite Eintrag mit dem Auslassungszeichen "(...)"; und so kommt es, dass individuelle Einträge häufig einen ganzen Monat, oder manchmal sogar ganze Halbjahresfristen ("Sommer und Herbst 1929") umspannen, da man besondere Ereignisse einfach zusammengestrichen hat; dies ärgert besonders, da die historisch ausschlaggebenden Daten des Dritten Reiches (Machtergreifung, Angriff auf Polen etc.) später dann natürlich mit ihrem vollständigen Eintrag verzeichnet sind.
Genauso ärgerlich ist, dass nähere Erläuterungen und Ergänzungen zu den Einträgen durch Fußnoten geliefert werden, diese Ausgabe der Tagebücher jedoch keinen Index im Anhang aufweist - bei historischen Werken, und gerade bei Tagebüchern, ein unverzeihlicher Schnitzer. Der gesamte Führungszirkel der NSDAP findet in Goebbels Aufzeichnungen ebenso häufig Verwendung, wie die Autoren, die er gerade las - wenn der Leser nun eine spezielle Passage nachschlagen möchte, oder eine besondere Äußerung nachlesen will, ist er aufgeschmissen.
Zu guter Letzt (und hier mag man mir vielleicht Kleingeistigkeit vorwerfen), besteht der Herausgeber ebenfalls darauf, an jeder Stelle, wie ein Grundschullehrer, Goebbels Ortographie zu korrigieren: Gerade ausländische Namen schreibt Goebbels häufig in einer phonetisch gefärbten Weise, aber auch unterläuft ihm mancher Flüchtigkeitsfehler. Hätte, um dies festzustellen, nicht eine Erwähnung im Nachwort genügt? Denn so gehen gut 75% der vorhandenen Fußnoten zur Korrektur von Goebbels Rechtschreibfehlern drauf - obwohl die Tagebücher ursprünglich ja handschriftlich sind, und man sich gut vorstellen kann, dass hinter einem angeblichen Rechtschreibfehler vielleicht nur eine hastig hingekritzelte Zeile verbarg, und obwohl der normalgebildete Leser ja weiss, wie man den jeweiligen Begriff schreibt. Andere Fehler markiert der Herausgeber mit einem vorwurfsvollen Ausrufezeichen in Klammern hinter dem jeweiligen Wort - als sei es das primäre Anliegen dieser Tagebuchausgabe, Joseph Goebbels, auf Teufel komm raus, als Idioten darzustellen.
Warum man dieser Ausgabe nicht einfach zwei Bände mehr gestattet hat, und den Leser dafür die KOMPLETTEN Aufzeichnungen des Propagandaministers lieferte, ist mir ein Rätsel ' jedoch spricht es ein weiteres Mal für das historische Verständnis des Herausgebers Ralf Georg Reuth, der mit seiner sterbenslangweiligen, vor persönlichen Ressentiments strotzenden Biographie bereits hinreichend demonstriert hat, dass er für weitere Beschäftigung mit dem Objekt Joseph Goebbels nicht qualifiziert ist.
Trotzdem ist der Interessent eben leider wohl oder übel auf diese Ausgabe angewiesen - mangels einer Alternative. Dnnoch ist diese Ausgabe, historiographisch betrachtet, sowohl von Seiten des Herausgebers wie auch des PIPER-Verlages, der dieses Projekt beaufsichtigt hat, eine schwache Leistung.