Wer unter diesem etwas irreführenden Titel "Tage mit ..." Eindrücke aus erster Hand und nächster Nähe zu Gombrowicz erwartet, wird enttäuscht sein. Der Pole und der Ungar haben sich nie gesehen, viel mehr nimmt Eörsi die Lektüre der fulminanten Tagebücher Gombrowicz' zum Anlass für mehr oder weniger abwegige Reflexionen über Literatur, Philosophie, Politik, Geschichte, Kommunismus, Marxismus, Ungarn, Polen und natürlich auch Gombrowicz selbst. Er nutzt ihn als Auslösemechanismus seiner eigenen Gedankenflüge, als Pille, als Likör, der Eörsi die Zunge lösen soll; er braucht, gebraucht den großen Polen und weiß es auch selbst: "Es drängte mich, zu schreiben; ich begann in seinem Tagebuch zu blättern, und unvermittelt setzte eine Erörterung oder Anspielung bei mir eine nicht erahnte Erlebnis- und Gedankenfolge in Gang." Kurz und gut: dieses Buch handelt in erster Linie von Eörsi, einem hochintelligenten, belesenen, bereisten, randgruppengeprägten ungarischen Juden, dem eben gerade Gombrowicz dient, um sich von seinen eigenen Gedanken zu befreien - es hätte auch jemand anderes sein können. Trotzdem ist die Faszination an WG natürlich spürbar und einige wunderbare Ideen und Interpretationen sind zu genießen. Auch über Kleist, Heine, Brecht, Thomas Mann, Buñuel, Ginsberg, Lukács, Milosz u.v.a. weiß er einiges Überraschende zu sagen ...
Hervorragend lassen sich die "Tage mit Gombrowicz" mit dem 15 Jahre später erschienenen "
Gombroman" von Rüdiger Fuchs vergleichen, denn beide Bücher scheinen eine vergleichbare Ausgangsposition zu haben, das Faszinosum Gombrowicz. Doch schnell wird klar: ist Fuchs existentiell getroffen und auf der Suche nach Gombro - er findet dabei auch sich selbst -, so scheint Eörsi viel zu sehr in seine eigene literarische Welt verstrickt, um sich selber noch riskieren zu können oder auch nur an Gombrowicz essentiell interessiert zu sein. Er ist, als Lukács-Schüler, der tiefere Denker und wohl auch der professionellere Schreiber, aber Fuchs weiß mitzureißen, zu begeistern, wo der Berufsschriftsteller kühl sein Pensum herunterspult. Lebendig wird Gombrowicz in diesem Buche selten und ich muss gestehen, mich durch manche Passage mächtig gearbeitet zu haben.
Entschädigt wird man dennoch durch eine ganze Reihe aufmerksamer zeitkritischer Gedanken und manch unkonventionelle literarische Ansicht.