Angesprochen hat mich an diesem Buch zunächst der Titel, dann der Klappentext auf der Buchrückseite - und schließlich hielt glücklicherweise das Buch selbst, was Titel und Klappentext versprachen. In diesem Buch bringen Menschen bei ihrer Einlieferung zusammen mit einem unglaublich hohen Alkoholpegel ihre traurigen und bewegten Geschichten mit in die Münchner Psychiatrie im Klinikum Haar. Dort saß der Autor (selbst Opfer des Flaschengeists), der ihre und seine Geschichten aufschrieb und zu einem spannenden Gesamtwerk verbunden hat.
Für mich ist dieses Buch interessant und lehrreich zugleich:
Ich finde, dass Vetten die Lebensgeschichten der Personen auf sehr einfühlsame und doch schonungslose Art erzählt. Die zerstörerische Wirkung von Alkohol wird durch die einzelnen Lebensschicksale plastisch geschildert. Sie zeigen, was in der Diskussion rund um die Alkoholsucht oft ignoriert wird: Der den Geist vernebelnde Geist in der Flasche verführt mitnichten nur soziale Randgruppen und unreife Jugendliche auf der Suche nach sich selbst oder auf der Flucht vor der Realität; auch reiche, beruflich erfolgreiche Menschen geraten durch Schicksalsschläge oder ungewöhnliche Konstellationen in ihrem Leben langsam in eine Spirale aus Rausch und Katzenjammer.
Die Wege, durch die das Leben in diesen Schilderungen aus dem Lot gerät, sind verschieden wie die Menschen selbst: Da gibt es die wohlhabende, gepflegte Frau Le Viseur, die den Tod ihres geliebten Mannes nicht verkraftet und ihre Trauer mit Alkohol betäubt. Ihre Freundin und Mitpatientin Anne wiederum ist eine Bäuerin, die immer wieder aus ihrem Leben auf dem Hof ausbricht und sich in den Alkohol flüchtet. Dann verbringt dort auch die 'Borderlinerin' Sarah ihre Zeit in Haar und interessiert sich für den rebellischen Mitpatienten Rocco mit seiner verpfuschten Vergangenheit. Da ist neben anderen auch der baumstarke Eishockeyspieler und liebende Familienvater Rainer, der eines Tages die Kontrolle über sich verliert. Und dann lebt das Buch auch von Geschichten wie der von Gerd Ammersberger und seiner (schon bald) Frau Franziska; von einem Mann, der sich selbst an eine Frau verliert und schließlich an die Sauferei, die ihm Tag für Tag ein Stück seiner eigenen Identität raubt ...
Neben solchen und anderen Personen und ihren Geschichten wirkt Vetten selbst fast wie eine Randfigur. Und doch gibt er gerade als Erzähler preis, wie es auch um ihn steht. Manchmal betrachtet er sich selbst aus der Perspektive eines Dritten, nennt sich "Herr V." und beschreibt von außen wie es diesem "Herrn V." geht. Dann wieder wendet er sich den anderen Mitpatienten zu und widmet sich ihren Geschichten. Er ist einer von ihnen. Ebenfalls vom Schicksal gebeutelt und vom Flaschengeist verführt, aber auf dem Weg hinaus und in eine Zukunft ohne den Rausch im Glas ... ich finde: spannende, lehrreiche, berührende Lektüre, sehr gut geschrieben.
Insgesamt wurde für mich deutlich: Die Psychiatrie in Haar ist mehr als eine Irrenanstalt, sie ist das Spiegelbild eines vielgestaltigen Lebens auch außerhalb seiner Mauern. Es ist ein Ort, an den Menschen kommen, denen die Realität abhandenkam und etwas zutiefst Irritierendes den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Dort machen sie sich wieder auf die Suche nach Stabilität und echter Sicherheit.
Fazit: Für mich ist das ein interessantes und zugleich verstörendes Buch über die Parallelwelt der Psychiatrie. Über die zerstörende Wirkung des Alkohols. Über tiefe Abstürze, Hoffnung und die Gewissheit, dass manche es schaffen und andere sich nach und nach verlieren. Darf man dazu sagen: irre gut? Naja, das ist in Anbetracht des ernsten Themas wohl eher nicht angebracht. Lesenswert ist dieses lebensnahe und wahrhaftige Buch allerdings auf jeden Fall.