Dieses Romandebüt der 1975 geborenen englischen Schriftstellerin Samantha Harvey wagt sich mit seiner Thematik in einen Bereich, der von vielen Menschen nach wie vor fast so verdrängt wird wie der Tod und das Sterben. Die Rede ist von Krankheiten wie Demenz oder Alzheimer, die in den nächsten Jahrzehnten, nicht nur weil die Menschen immer älter werden, dramatisch zunehmen werden. Während DVA fast zeitgleich mit diesem Roman ein Sachbuch von Annette Bruhns und anderen veröffentlicht unter dem Titel "Demenz: Was wir darüber wissen, wie wir damit leben", beschäftigt sich Samantha Harvey auf eine literarische, stellenweise poetische Weise mit dem Phänomen und kommt damit der menschlichen Seite des stillen Vergessens sehr nah.
Sie erzählt die Geschichte des ehemaligen Architekten Jake aus der Grafschaft Lincolnshire, der sein Leben lang davon träumte, ein Haus ganz aus Glas zu bauen und damit den heutigen Energiesparhäusern, ohne es zu wissen, ziemlich nahe war. Stattdessen hat er ein Gefängnis gebaut, in dem sein Sohn Henry nun einsitzt.
Das weiß Henry noch, aber er kann sich nicht mehr erinnern, wie es dazu kam. Er hat vergessen, warum Henry im Gefängnis sitzt, er hat vergessen, was aus seiner Tochter und seiner Frau geworden ist. Henrys Gedächtnisverlust ist fortlaufend, er verliert immer mehr die Orientierung in seinem Leben. Mit einer beeindruckenden Sprache gelingt es Samantha Harvey, die sich ständig weiter auflösende Gedankenwelt eines Mannes zu beschreiben, der sein Gedächtnis verliert und es in einzelnen lichten Momenten sogar weiß.
Verzweifelt versucht Jake, aus einzelnen Erinnerungsstücken seine Vergangenheit und seine Lebensgeschichte zusammen zu puzzlen. Er erinnert sich an seine jüdische Mutter, seine eigenen politischen Aktivitäten zur Unterstützung des bedrohten Staates Israel und an die Organisation LIPAC, die er gegründet hatte (Lincolnshire Israel Public Affairs Committee).
In England wurde dieses bislang bei uns leider kaum beachtete Buch mit Preisen ausgezeichnet und begeistert besprochen. Vielleicht würde ein ähnliches Buch mit einem Hintergrund in Deutschland besser aufgenommen. Dennoch: der Preisrede zur Verleihung des Ami Awards an Samantha Harvey kann ich mich uneingeschränkt anschließen: "Bilder von verblüffender Tiefe und Klarheit verwandeln das, was eine klinische Fallstudie hätte werden können, in ein bewegendes Tribut an die Würde des menschlichen Geistes."
Angesicht der Dramatik dieser sich ausbreitenden Krankheit wünscht man sich mehr Bücher dieser Thematik, allerdings bitte auch in dieser literarischen Qualität.
"Tage der Verwilderung" ist ein gelungenes Debüt und lässt von dieser Autorin noch weitere sensible, feinsinnige und sprachmächtige Romane erwarten.