Flory, der von einem Muttermal entstellte, sozial isolierte und etwas heruntergekommene Holzhändler, stellt den Protagonisten, den schwachen bemitleidenswerten, fast schon verachtungswürdigen Anti-Helden des Buches dar. Er lebt in einem burmesischen Dorf am mächtigen Irrawady-Strom zusammen mit einer habgierigen und dominanten burmesischen Frau, die er sich als Konkubine gekauft hat, Ma Hla May. Er verkehrt aus Langeweile in dem sogenannten Club, welcher von den spießigen und gewaltbereiten Engländern in dieser Gegend frequentiert wird und wo es nur selten Eiswürfel in den Whisky gibt, nämlich dann, wenn es aus Mandalay geliefert wird. Auch in dieser Gesellschaft ist er ein allenfalls geduldeter Außenseiter. Sein Gegenspieler ist, ohne daß es von Beginn an deutlich wird der korrupte burmesische Richter U Poo Kyi, welcher durch seine Ränkeschmiede den tüchtigen indischen Arzt Dr. Goswami, der einzige Freund von Flory, zu diffamieren sucht. Zusätzlich taucht die mäßig attraktive und wenig inspirierende Figur der Elisabeth auf, die Nichte des Ehepaars Lackersteen, welche in Burma Fuß fassen soll und auf welche der junge Flory ein Auge wirft. Seine noch so freundlichen und zuvorkommenden Bemühungen um Elisabeth fallen auf keinen fruchtbaren Boden, sie verfällt dem schnöden Reiz eines englischen Reiterhauptmanns. Flory verstößt sogar seine Konkubine Ma Hla May um den Platz für Elisabeth zu räumen. Doch all seine Bemühungen schlagen in kläglicher Weise fehl, bis er beim Angriff einer aufgebrachten Menge Burmesen den Englischen Klub heldenhaft verteidigt und so doch Elisabeths Anerkennung erringt, zufälligerweise zu just dem Zeitpunkt, als der Reiterhauptmann sie (verdientermaßen) versetzt hat. Flory scheint am Ziel seiner Bemühungen, doch da tritt die Boshaftigkeit des Richters U Poo Kyi in Gestalt der verstoßenen Ma Hla May auf den Plan. Flory ist erledigt und sein Freund Dr. Goswami seines Postens enthoben. Orwell ist mit diesem Roman meines Erachtens ein beeindruckender großer Wurf gelungen, dem völlig zu unrecht lange Jahre die Anerkennung versagt blieb, und man muß nicht nur aufgrund dieses Beispiels die Richtigkeit und Güte einer Literaturkritik stets aufs Neue hinterfragen und anzweifeln. Es ist ein wunderbar ausgewogener Roman mit reichlich (oft sarkastischem) Humor, ungeheuer viel Spannung, einer Menge psychologischer Hintergründe der Charaktere und reichlich niemals übermäßig dominanter Kritik am Zeitgeist des Kolonialismus. Der ganze Roman führt dem Leser erstaunlich realistisch die zauberhafte Schönheit dieses magischen Landes vor Augen, nie vergißt es Orwell auf die landschaftliche Schönheit und die einfache Freundlichkeit der Menschen trotz all ihrer alltäglichen Probleme einzugehen. Es ist ein Buch das Sympathie weckt für Burma, das einnimmt für einen starken und doch stets zurückhaltenden jungen Orwell, das die Banalitäten der Bemühungen eines Liebenden, der nicht wiedergeliebt wird widergibt wie wenige andere. Für alle Reisenden ins ferne Burma (heute Myanmar) eine absolute Pflichtlektüre, für alle, die mal wieder einen Roman lesen möchten, der einen durchgehenden Handlungsstrang hat, der den Leser nicht in Prosa ertränkt, der vielseitig ist und doch nie das Wesentliche außer Acht läßt ist Orwells "Tage in Burma" ein hervorragendes Beispiel eines fast perfekten Erstlingswerkes. Es ist eine Ergänzung zu 1984 und Animal Farm auch wenn es sich weder um einen untopischen Roman, noch ein Fabelmärchen handelt, die kritische Stimme des gnadenlosen Chronisten George Orwell schwingt zwischen sämtlichen Zeilen mit. Gibt es einen Deutschen Autor, der kritisch, zynisch-sarkastisch und unterhaltsam ist sowie dem Leser das Gefühl vermitteln kann als habe er mehr von der Welt gesehen als das Dorf, in dem er sein Eremitendasein führt? Leider will mir keiner einfallen... Und könnte John Irving eine solche Handlung ersinnen, die ohne riesige Zeitsprünge und pubertäre Highschool-Lächerlichkeiten auskommt - ich würde gar noch mal eines seiner Bücher zur Hand nehmen.