Für meine Schul-AG "Mittelalter" (2.Klasse) hatte ich dieses Buch gekauft, um mich über die "wissenschaftliche" Seite des Themas "Lebensmittel und Esskultur im Mittelalter" zu informieren. Der Wissensdurst wurde nicht nur gestillt durch eine sehr ansprechende und substanzielle Darstellung der historischen Situation, der Gewohnheiten, der (für uns teilweise befremdend anmutenden oder auch zu Lachanfällen animierenden) Darstellung gesundheitlicher oder medizinischer Aspekte....(Kostprobe gefällig? :-) Wer weiß schon, dass Melonen wegen ihres hohen Wassergehaltes nicht von Melancholikern gegessen werden sollten, weil sie nämlich als kalt und feucht gelten. Witzig anmutende Tipps zum Wohle der Gesundheit gibt's nämlich auch. Kirschen und anderes Baumobst gilt übrigens als edler als Erdbeeren, weil es höher wächst, also näher am lieben Gott ist.)...Anbau der Lebensmittel, ihre Zubereitung in bürgerlicher, aristokratischer oder monasterischer Weise - immer auch unter dem Aspekt "Ist gerade mal wieder Fastenzeit?" - die soziale Stellung der einzelnen Berufe, die mit Lebensmitteln zu tun hatten (z.B. Metzger als hoch angesehene Leute), die Einstellung zu verschiedenen Lebensmitteln (z.B. Schweinefleisch als Arme-Leute-Fleisch vs. Geflügelfleisch als aristokratisch und besonders bekömmlich, Pfau als Krone eines Mahls)und und und - das alles ist höchst interessant dargestellt und auch kurzweilig zu lesen. Gelegentlich klappt der Unterkiefer beim Lesen runter, wenn gelegentlich eine Rechnung präsentiert wird (aus historischer Quelle), die Auskunft gibt, was und wieviel an Luxusprodukten zu irgendeinem Fest irgendeiner Herzogin im wahrsten Sinn des Wortes verbraten wurde. Witzig ist auch die Info, dass - je nach Rang - die Gäste quantitativ unterschiedlich bedacht wurden: Hohe Herrschaften kriegen 2 Geflügelpasteten, mittlere teilen sich eine, während die unteren Chargen Glück haben, wenn sie noch was Gehacktes ergattern.
Für mich als passionierte Köchin waren auch die historischen Rezepte sehr reizvoll. Vieles ist sogar noch heute halbwegs nachkochbar. Das ging dann so weit, dass ich demnächst ein Mittelalter-Essen für meine ebenfalls MA-begeisterten Freunde kredenzen werde :-)) Gezuckertes Fleisch wird's allerdings trotzdem nicht geben!
Auch über die Kostenstruktur ist viel zu erfahren: z.B. teure Gewürze ("Karriere" des Pfeffers von der hochbezahlten Luxuszutat zum Allerweltsgut, das auch Gefängnisinsassen zustand - gesetzlich geregelt!!! Danach rümpfte die Aristokratie die Nase und verzichtete auf Pfeffer zugunsten des Zuckers. Der boomte dann, weil er als edel und luxuriös galt.), fast unerschwinglich teure Orangen (als Statussymbol der Reichen in Florenz) und ähnliches.
Der einzige - wirklich allereinzige! - Wermutstropfen ist der, dass das Buch auf Frankreich fokussiert ist. Allerdings werden sehr oft auch andere Länder genannt und Sitten verglichen (England, Italien, die Niederlande, Belgien und auch Deutschland). Mein Verdacht: Erbsbrei-Deutschland als kulinarisches Entwicklungsland im Mittelalter? Der Autor ist Franzose; daher vermutlich der Schwerpunkt auf Frankreich.
Ich kann das Buch nur empfehlen: interessant, voller Anregungen, teilweise auch witzig, reich und sehr anschaulich bebildert (!!!) - eine Zeitreise für den Gaumen. Sehr lohnend!