Nach den recht eingängigen und betont melodiösen letzten beiden Alben "Zirkus" und "Willkommen im Club", kehren MIA aus der Kreativ-Pause mit "Tacheles" wieder eckiger zurück. Wieder eckiger, weil sie es anfangs schon einmal waren, weil zwischen den ersten beiden Platten "Hieb und stichfest" und "Stille Post" zu den nächsten beiden ein ziemlicher stilistischer Bruch lag. Und so wie bei Erscheinen von "Zirkus" einige Fans der ersten Stunde unversöhnlich dem damals neuen Kurs auf Melodie und Elektro-Pop gegenüberstanden, werden jetzt wohl einige die erst mit dem "Tanz der Moleküle" auf MIA aufmerksam wurden (und den Verkaufszahlen nach waren das wohl üppig viele) sich an das neue Album erst herantasten müssen.
Tastet euch, denn es lohnt sich!
Jetzt von einer Symbiose der beiden bisherigen MIA-Phasen zu reden, trifft es nicht ganz, deutet aber die Richtung an. "Tacheles" läutet die nächste Ära ein, es darf zwar noch immer der Stempel "Elektro-Pop" aufgedrückt werden, aber die Gitarren knarren wieder mehr und nicht jedes Lied will sofort nachgesungen werden. Es hat schärfere Konturen, ist kontrastreicher und läßt unvermittelt plötzlich auch stille Freiräume zu. Das ist beim ersten Durchhören zwar weniger auf Anhieb gefällig, aber mutiger und auf Dauer interessanter. Einige Songs gehen beim ersten Hören quer ins Ohr und rempeln auf dem Weg zur Hirn-Sektion für Lieblingslieder einige herum stehenden Hörgewohnheiten über den Haufen. "Tacheles" ist auf angenehme Art sperrig und grober als die beiden Vorgänger.
Textlich ist Mieze Katz auf noch breiterem Feld unterwegs. Die Göre springt natürlich nach wie vor durch's bunte Feld der möglichen und unmöglichen Lebenssituationen und nimmt nichts zu ernst, gerade das macht nun mal ihren Charme aus, den man entweder liebt oder liebt (und manche mögen es vielleicht nicht so sehr, weil ihr gepflegtes Grau sich von Farben angegriffen fühlt), aber hintergründig kommt mit dieser Platte eine neue Tiefe hinzu, eine Spur Melancholie in "Brüchiges Eis" z.B., die das Album dunkelbunt einfärbt. Steht ihr und der Band und dem Album richtig gut. Auch "Rien ne va plus" ist textlich zartbitter, auch wenn die Musik sich trotzig dagegen stemmt und so ein Spannungsfeld zwischen Text und Musik erzeugt. Als mit Geigen überfrachtete Ballade wäre die Nummer vermutlich weggeglitscht, so hat sie Traurigkeit, Trotz und Trost zu einem einzigen Gefühl vereint.
Das Album tut gut, macht Spaß und fordert heraus, es tanzt, denkt und fühlt. Da schwindet das Bedürfnis nach Haaren zu suchen, die ganz bestimmt in der Suppe schwimmen.