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Tabu Litu. Ein Documentum Fragmentum: Die Grenze, der Strom und das Drama: Buch V
 
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Tabu Litu. Ein Documentum Fragmentum: Die Grenze, der Strom und das Drama: Buch V [Sondereinband]

Klaus-Dieter Regenbrecht


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Produktbeschreibungen

S3-TV Kulturkalender 25.1.1991

Keine leichte Kost fuer den Leser, doch fasziniert der Schriftsteller durch jandlsche Sprachkaskaden und eine manchmal an Thomas Bernhard erinnernde baerbeißige Ironie. Reizvoll auch seine Dialoge mit den eigenen Figuren und dem Leser. Eine erfrischend originelle und individuelle Neuerscheinung. S3-TV Kulturkalender 25.1.1991

Kurzbeschreibung

Die Live-Mitschrift der Wiedervereinigung: Berlin, August 1989 - März 1990, mit vielen Ausflügen ins Phantastische.

Über den Autor

Geboren 1950 bei Bremen, Abitur in Koblenz (Rhein). Studium der Amerikanistik in Tuebingen und Bonn. Durch intensive Beschaeftigung mit insbesondere der amerikanischen Lyrik gab es 1974 die ersten eigenen Schreibversuche. Seit Mitte der Achtziger Jahre freiberuflicher Schriftsteller (u.a).

Auszug aus Die Grenze, der Strom und das Drama von Klaus-Dieter Regenbrecht. Copyright © 1990. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Sie hüpfte um mich herum, boxte mir in den Magen, zog meine Ohren lang, sprang mir in den Rücken, biss mir in den Nacken, griff mir, jawohl, genau dort hin!, als hätten mich nicht nur drei sondern mindestens neun Shakespeare'sche Hexen zwischen den Klauen. Gudrun schaltete einen Gang zurück, rückte näher, näherte sich mir, mir eingehakt und unter, unter Null war es ohnehin, hin und her zog das Volk, denn das Volk sind wir, wir sind verliebt, verliebt bis über beide Ohren, meine Herren, die Ohren wollten es kaum glauben, sie vernahmen es mit Staunen, WAHNSINN hieß es fassungslos in jener unglaublichen Nacht, in der mich keine zehn Teufel auf die Mauer gebracht hätten. Und natürlich bin ich Gudrun ohne ein Wort des Widerspruchs auf den antifaschistischen Schutzwall gefolgt. Zuerst half ich ihr per Baumleiterchen auf die Mauer. Einen Augenblick fühlte ich mich körperlich ungeheuer stark; Gudrun ist halt ein Federgewicht. Sie setzte ihren rechten Fuß in meine verschränkten Hände, sprang ab und streckte das Bein kraftvoll durch, bis ich ihren Hosenlatz vor der Nase hatte. Ich hielt die Luft an, wagte nicht, ein Näschen voll ihres Parfüms einzusaugen. Sie kletterte aber nicht gleich weiter, sondern ließ sich gnädigst noch einmal zu mir hinab, sah mir in die Augen: "Schalt jetzt alle deine Sinne ein, Winnelein. So etwas erlebst du in diesem Leben nicht wieder." Sie küsste mich hastig, aber nicht hastig genug, um mir nicht doch die vermeintlich ungeheueren körperlichen Kräfte zu rauben. Denn während sie nun das Bein wieder durchdrückte, um die hilfreichen Hände von oben zu ergreifen, knickten meine kraftlosen Knie ein, so dass Gudrun in gleicher Höhe blieb. "Hei, du Schlaffi! Mach dich mal ein bisschen steif, sonst kriegst du mich nie hoch!" Ohne die Mauer im Rücken hätte ich es mit Gudrun in meinen Händen nicht geschafft, mich aufzurichten. Kaum durchflutete mich das nie erlebte Triumphgefühl nach sportlicher Höchstleistung, erlitt ich den nächsten Knock-out. Gudrun hatte mich also geküsst. Den rechten Fuß hatte sie in meine verschränkten Hände gesetzt, mit dem linken stand sie nach wie vor auf der Erde; Ost-Berliner Boden übrigens. Mit ihrem linken Bein sprang sie zum zweiten Male ab und drückte das rechte durch. Dann stellte sie ihr linkes Bein auf meine rechte Schulter. Bevor sie jedoch das rechte Bein nachzog, um es auf meine linke Schulter zu stellen, führte sie mit der rechten Schuhspitze eine leichte Kickbewegung aus. Ein Schlag mitten ins Kontor! Schneller als ich zusammensackte, hatte sich Gudrun mit ihrem rechten Fuß von meinem Kopf abgedrückt und hing an den helfenden Händen. Ich hockte im ostdeutschen Staub vorm Brandenburger Tor. "Was ist, Winne? Komm hoch, hier oben ist es herrlich!" Ich war wild entschlossen, mein Leben zu retten und diesen unglückseligen Ort sofort zu verlassen, an dem mich nur weiteres Unheil erwarten konnte. Bei dieser Kletterei konnte leicht einer tot bleiben, wie der Volksmund treffend formuliert. Doch schon hatten mich drei düster dreinblickende Punks gepackt, um mich schlaffen Sack auf die Mauer zu wuchten. Aus dem homme de lettre war ein homme de clettre geworden. Und wie ich es befürchtet hatte, auf der Mauer fing es an ungemütlich zu werden. Polizisten aus Ost und West mahnten zu Ruhe und Besonnenheit. Die Typen auf der Mauer skandierten ziemlich aggressiv-blödes Zeug. Die waren alle unter dreißig. Die waren alle neo-konservativ, wenn nicht Schlimmeres. Auf der anderen Seite der Mauer tobten sie durch das Tor, liefen Slalom durch die Säulen. Unfassbar, unfassbar, was da geschah. Frevel oder Freiheit? Ich schäme mich nicht, es einzugestehen. Ich hatte Tränen in den Augen. Auch Gudrun, sonst kalt wie eine Hundeschnauze, wurde sentimental. Sie klammerte sich an mich, wurde an mich gedrückt in der wogenden, schiebenden, stoßenden, grölenden Masse
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