Vorweg: Ich habe mich vom aktuellen Schäppchen eines Hobbyelektronikmarktes überreden lassen und das Arnova 10b G3 mit kapazitivem Touchscreen und 4 GB für 111,- gekauft. Entsprechend bewerte ich das Preis-Leistungs-Verhältnis. Es ist mein Einstieg in die Android-Welt, aber als Informatiker und Computerfreak der ersten (Prä-64er) Generation habe ich selten Bedienungsprobleme. Das muss aber nicht für andere gelten, und die extrem rudimentäre Bedienungsanleitung könnte Einsteiger doch vor einige Hürden stellen.
Fazit vorab: Ich bin überwältigt! Nach den schlechten Testberichten und den durchwachsenen Kommentaren hätte ich nicht erwartet, dass das System so flüssig läuft und so komfortabel ist - und das zu einem Preis, zu dem vor ein paar Jahren noch stupide nur-DVD-Player für Autorückenlehnen verkauft wurden, und der derzeit noch für "Nur-ebook-Reader" genommen wird. Von daher: Klare Kaufempfehlung!
Natürlich gibt es Schwächen: So dauert ein kompletter Neustart rund eine Minute, das normale Hochfahren nicht viel weniger, und man spürt durchaus, dass Webseiten etwas langsamer dargestellt werden als auf einem "normalen PC" (selbst beim mageren 3Mbit-Internet, das ich hier habe). Auch ist mir das System in den rund 8 Stunden Nutzung bisher vielleicht knapp 10 mal abgestürzt, allerdings habe ich fast nur Apps geladen und ausprobiert, und da läuft auf kaum einem Gerät alles sauber. Nachdem ich jetzt vielleicht 70 Apps ausprobiert und 40 dauerhaft installiert habe, läuft mein System immer noch sehr flüssig - vermutlich, weil ich immer mal wieder Hintergrundanwendungen über einen Task-Killer entferne und Speicher freigebe - ist halt immer noch ein Computer, der gepflegt werden will. Dabei sind einige Abstürze wohl auf zu freudig geschlossene Tasks zurückzuführen...
Übrigens finde ich auch die Tastatureinabe völlig zufriedenstellend, eine störende Verzögerung kann ich nicht feststellen (allerdings bin ich auch ein Samsung Star 5230 gewohnt).
Die "Out-Of-The-Box"-Performance hat mich beeindruckt. Die Installationsprozedur ist überschaubar, das Netzwerk wurde sofort erkannt und nach einem Schlüssel gefragt (hier habe ich Übung...), dann wurde irgendeine App geladen und installiert, und fertig.
Im Gegensatz zu einem Mit-Rezensenten benötige ich kein USB-Adapter-Kabel, da ein vollwertiger USB2.0-Anschluss vorhanden ist(!). Entgegen meiner Erwartung wurde sogar meine externe 750GB-2,5Zoll-WD-Festplatte (in NTFS!!!) sofort angesprochen, Filme werden auch von hier aus flüssig wiedergegeben (ebenso von SD-Card). Das System spielt in mp4 (mit Mediaespresso sehr schnell) konvertierte Fernsehmitschnitte, FullHD-Aufnahmen meiner Sony-DSC-HX1, avi-Dateien von der alten Powershot 580 usw. Nur bei mpg bekomme ich lediglich Ton bei schwarzem Bild.
Manches ist zugegebenermaßen etwas fummelig. Dazu gehört die Einarbeitung in Android, zumal bei einigen Apps Menues oder Schaltflächen nicht dargestellt werden (liegt aber nicht spezifisch am Gerät, eher an den verschiedenen Auflösungen und Android-Versionen). Sowas schreibt man erstmal der eigenen Unkenntnis zu (zB. bekomme ich beim schnelleren Dophin-Browser partout keine URL-Eingabe hin). Der verwendete Adobe-Flash-Player (benötigt z.B. für youtube, myvideo) wollte zuerst nicht laufen. Über die AppLib wurde ein Update angezeigt, welches aber mit einer Fehlermeldung (bereits installiert, aber anderes Zertifikat...) endete. Nach Deinstallation (über den AppLib-Store) und Neuinstallation - und einem Absturz und Neustart - funktionieren jetzt auch Youtube-Inhalte.
Zum Akku: Gut, meinen Sony-ebook-Reader muss ich so gut wie nie laden, aber das ist ein ganz anderes Funktionsprinzip. Nach den Stimmen hier hatte ich erwartet, quasi am Kabel zu hängen, aber nach den ersten 5 Stunden Surfen und Apps-Installieren (bei mittlerer Bildschirmhelligkeit) war der Akku erst zu rund 60% leer. Zum Vergleich: Mein Samsung-Netbook hält bei entsprechender Nutzung gerade mal 2-3 Stunden.
Um den Spieß mal umzudrehen, frage ich, welche Gründe dafür sprechen könnten, die mindestens dreifache Summe für ein "Marken"-Gerät auszugeben, wenn es so oder so in vielleicht zwei Jahren doch schon wieder veraltet ist?
Klar, dieses Gerät knarxt etwas, wenn es hochkant hält und die linke Seite fest greift; es ist kein Leichtgewicht und kein Langläufer, und ab und zu stürzt es auch mal grundlos ab. Aber es kommt auch nicht ins Hecheln, ist von Haus aus gut ausgestattet (und um 3G immerhin erweiterbar), wirkt robust genug, und das Gros der Apps läuft (bis jetzt) ausreichend flüssig. Wer also nicht unbedingt GPS, langhaltende Akkus, ein Luxus-Display oder ein neues Prestige-Objekt benötigt, wird m.E. angenehm überrascht sein, wieviel "Spielzeug" für diesen Preis bereits zu haben ist.
Denn auch das muss man klar sagen: Es ist zwar schon ziemlich viel Computer, aber "ernsthafte" Anwendungen habe ich darauf noch nicht gesehen, und das scheint mir auch nicht die Zielsetzung eines Android-Systems zu sein. Probeweise habe ich Tastatur, Maus und USB-Stick über einen passiven Kabelpeitschen-Hub angeschlossen (jawoll, geht), und da wird der Mauszeiger schon sehr träge, läuft schnelleren Bewegungen hinterher (interssanterweise ist die Maus ohne Hub flüssig). Wer Hausarbeiten schreiben will oder Tabellen kalkulieren, der sollte sich doch eher mindestens ein Netbook (mit nachinstalliertem XP statt Win7, dann läuft es auch super flüssig) gönnen. Oder eben doch ein hochpreisiges Kombi-Tablet mit was anderem als Andoid - aber was? In Punkto Ergonomie scheint für Tablets auch Win8 keine richtige Konkurrenz zu sein.
Warum nur vier statt fünf Sterne? Bezüglich meiner Erwartungen hat es die fünf Sterne mit Auszeichnung verdient. Objektiv bzw. aus technischer Sicht sind jedoch einige Defizite zu beachten: Die Neigung zu unvermittelten Abstürzen, der nur im (ruhigen) Hausgebrauch rudimentär nutzbare Lautsprecher, die schlechte Ergonomie bzgl. Gewicht und längerer Nutzung, und die für Einsteiger deutlich unzureichende Anleitung. Das wäre ein halber Stern Abzug, geht aber nicht, also eher vier statt fünf.
*** Nachtrag 09.11.12: weitere Hinweise im ersten Kommentar ***