Titan Quest ist ein würdiger Nachfolger für das gute alte (mittlerweile ja uralte) Diablo 2. Selbstverständlich reicht es letztlich nicht an den Klassiker heran, ist aber dennoch ein guter Zeitvertreib während des Wartens auf Diablo 3 ;-) Aber mal im Einzelnen:
1. Grafik
Die Grafik ist an sich sehr schön anzusehen, die Level sind nett gestaltet. Besonders die Kleinigkeiten am Rande sind es, die das Salz in der Suppe ausmachen und die die Welt lebendig und realistisch erscheinen lassen: Hohe Gräser wippen nach, wenn man durchläuft, Äste von Bäumen schlagen zurück, wenn man sie wegdrückt, gelegentlich fährt ein Wind über das Kornfeld, usw. Der Tag-Nacht-Wechsel ist auch sehr schön, man kann richtig beobachten, wie am Abend die Schatten immer länger werden. Allerdings ist es manchmal auch etwas schwierig, in der stockfinsteren Nacht die Gegner noch zu identifizieren, aber ansonsten ein nettes Gimmick.
Die Ansicht von schräg-oben (wie eben auch bei Diablo 2) ist allerdings etwas gewöhnungsbedürftig, zumal die meisten aktuellen Titel die 1st-Person-Perspektive bevorzugen. Man kann in gewissem Rahmen rein und rauszoomen, doch macht außer der Maximal-Einstellung nichts Sinn, da man praktisch nur den eigenen Charakter sieht und sonst nichts, also zum Spielen sehr unpraktisch ;-) Freilich sind die Texturen im Maximal-Zoom sehr schön anzuschauen. Dennoch hätte ich mir etwas mehr Bewegungsfreiheit mit der Kamera gewünscht.
2. Sound
Hier gibt's nichts wirklich Neues. Die üblichen Hack&Slay-Sounds, die üblichen Zauber-Sounds. Dazwischen mal ein Grunzen oder Röcheln der Gegner. Die Hintergrundmusik ist ganz nett, wiederholt sich aber zu schnell und wird dann bald langweilig. Besonders ärgerlich finde ich jedoch für ein (relativ) aktuelles Spiel, dass die Sprachausgabe nicht synchronisiert wurde. Zwar sind alle Texte im Spiel auf Deutsch, aber die gesprochenen Worte in englisch. So was sollte heutzutage Standard sein... na ja, kann man nebenbei noch ein bisschen Englisch lernen ;-)
3. Gameplay
Besonders interessant und auch innovativ finde ich, dass man sich hier im Laufe des Spiels (und nicht gleich zu Beginn) für zwei Talentbäume" entscheiden kann. Dadurch ergeben sich sehr interessante Kombinationen und auch sehr interessante taktische Möglichkeiten. Schade allerdings, dass einem diese taktischen Möglichkeiten wenig nutzen, da man alle Monster und auch die Bosse in der Regel durch sinnloses Draufdreschen" umlegen kann. Kein Gegner erfordert hier irgendeine besondere Herangehensweise, einfach immer voll drauf, immer wieder einen Gesundheitstrank und dann ist's nur eine Frage der Zeit. Ansonsten sind die Talentbäume sehr unterschiedlich, aber wenig ausgewogen. Hier entfaltet das Spiel seine Möglichkeiten erst im Multiplayer. Im Einzelspieler-Modus kann man mit einem Charakter, der wunderbar heilen oder debuffen kann, aber keinen Schaden macht, nun mal nichts anfangen. Dadurch beschränkt sich das Singleplayer-Spiel schnell auf 3 oder 4 Talentbäume - schade..
Die Story ist an sich ganz unterhaltsam, verkümmert aber schnell zu einem unwichtigen Nebeneffekt. Da das Spiel sowieso immer linear läuft und es sowieso immer nur einen Weg gibt, dem man folgen kann, braucht man die Quest-Texet noch nichtmal lesen, man kommt automatisch an den richtigen Orten und Monstern vorbei.
4. Steuerung
Bewegt wird der Charakter durch Rechtsklicken auf den Zielpunkt, im Alltag bedeutet das, dass man mit ständig gedrückter Maustaste rumläuft, zusätzlich gelegentlich die linke Maustaste dazu drückt. Im Kampf muss man jeden Gegner einzeln anklicken, um ihn anzugreifen. Das war bei Diablo 2 eben auch so, hat aber bereits damals für chronische Sehnenscheidenentzündungen und Muskelversteifungen in den Fingern geführt. Auf die Dauer ist das recht anstrengend, zumal die Steuerung oftmals auch etwas ungenau ist. Nach einer Weile gewöhnt man sich zwar daran, aber die Muskelkrämpfe bleiben ;-) Ansonsten kann man sich sein Interface selbst gestalten, man kann sich seine Zauber etc. auf ausgewählte Buttons legen, die dann schnell durch die Nummerntasten 0-9 erreichbar sind.
5. Items, Rüstungen, Waffen, etc.
Wie ebenfalls aus Diablo2 bekannt, findet man hier sehr schnell tausende und abertausende Items. Leider kann man aber die wenigsten nur wirklich gebrauchen. Als Zauberer findet man ständig tolle Schwerter, als Nahkämpfer findet man massenhaft Zauberstäbe, aber das kennen wir ja auch. 95% aller gefundenen Items sind per se wertlos oder sind von den Stats her schlechter als das, was man sich gerade beim Händler gekauft hat. Das frustriert auf die Dauer ein wenig, denn wirklich interessante Items findet man extrem selten. Auch sehenn die Rüstungen und die Gegenstände weitgehend gleich aus, so dass diesbezüglich also auch kein besonderer Anreiz besteht. Jedenfalls kann man durch das Verkaufen der Items beim Händler schnell sehr viel Gold sammeln, so dass man gar nicht mehr weiss, wohin damit. Aber der berühmte Diablo-Sammel-Effekt will sich erstmal nicht so richtig einstellen. Dazu findet man einfach zu selten wirklich brauchbare Items
6. Fazit
Also zusammenfassend ergibt sich für Titan Quest ein uneinheitliches Bild. Selbstverständlich muss sich jedes Action-Rollenspiel (neudeutsch Hack & Slay") mit dem Genreklassiker Diablo 2 messen, und das an sich ist schon mal eine immense Hürde. Rein technisch ist das natürlich kein Problem, etwas mehr als die olle 400x600-Pixelpracht des Blizzard-Klassikers ist ja heutzutage keine Kunst mehr, und eben hier punktet Titan Quest auch erwartungsgemäß. Das Spiel ist (auch auf mittleren Details!) wirklich sehr schön anzuschauen, die Tag-Nacht-Wechsel und die ganzen kleinen versteckten Gimmicks sorgen für eine lebendige realistische Welt. Die Levels sind einigermaßen abwechslungsreich und die Monster wechseln auch rechtzeitig, bevor es zu langweilig wird. Die Bosskämpfe indes sind eher anspruchslos und eine reine Zeitfrage. Das Gameplay ansonsten ist flüssig und geht flott von der Hand, nach einigen Tagen regelmäßigen Spielens stellt sich jedoch schnell die obligatorische Sehnenscheidenentzündung mit Muskelkrampf ein, aber das kennen wir ja auch von Diablo ;-)
Ansonsten macht Titan Quest alles richtig, bietet insgesamt aber auch zu wenig wirklich neues. Ich lasse mich mal zu knapp aufgerundeten vier Sternen hinreißen, da das Spiel an sich schon viel Spaß macht, man muss vor allem nicht viel Nachdenken, sondern einfach mal draufdreschen. Und wie sich der eigene Charakter dann durch die Monsterhorden metzelt und überall Knochen und was-nicht-noch-alles durch die Gegend fliegen, das macht schon Spaß. Leider wird das Ganze dann aber auch zu schnell langweilig, weil das Spiel nichts Neues mehr bietet. Bald hat man mehr als 500.000 Gold auf dem Konto und die besseren Items findet man eher beim Händler als unterwegs. Aber für alle alten Diablo2-Veteranen ist das Spiel allemal einen Blick wert, wer lieber etwas mehr Herausforderung, taktischen Tiefgang oder interessantere Stories eingebettet in ein schönes Rollenspiel sucht, der sollte lieber zu anderen Titeln greifen.