Diese Rezension möchte ich etwas weiter fassen.
Zuerst: das Spiel an sich ist sehr, sehr gut gemacht. Den Mythos von der Über-Grafik kann ich zwar nicht bestätigen [da hab' ich definitiv schon besseres gesehen], die Steuerung hat mich am Anfang gestört (kompliziertes Ducken, irgendwie) und vor allen Dingen die Karte mit Auftragsübersicht fand ich sehr unbenutzerfreundlich. ABER: Nicht mal bei den Resident Evil-Spielen hab' ich so geschwitzt wie bei Stalker. Man kann es sich vorstellen: Unter der Erde, ein Katakombensystem. Du schleichst da lang, hörst unter deinen Stiefeln den Kies knirschen. Der Geigerzähler knackt unregelmäßig und teilt dir damit beunruhigende Sachen mit. Über dir eine Warnleuchte an der Wand. Ihr dunkeloranger Lichtkegel durchstreift die Wände und du siehst tatsächlich NUR, was sich darin befindet. Zum Beispiel Blutspuren an der Wand oder 'nen Totenkopf, ansonsten tiefste Schwärze. Dafür quietscht die Lampe jedesmal nervenaufreibend, wenn sie eine weitere Drehung vollführt. Schon eine Weile lang hörst du andere Geräusche: Knallende Türen, ein Grollen, Schritte, manchmal näher, manchmal weiter weg und jetzt gerade ein Grunzen. Dann ein Schrei. Du fährst herum, findest nichts. Dann hörst du Schritte immer näher kommen, wirst panisch und in dem Moment entdeckst du ein auf dich zurennendes Monster, das du immer nur dann sehen kannst, wenn es den Lichtkegel der Warnlampe passiert. Du kriegst nen Herzinfarkt, fliegst fast vom Stuhl und verprasst deine halbe Munition auf das Vieh und ärgerst dich, weil du den meisten Weg durch die Katakomben noch vor dir hast.
Die Außenwelt ist... unheimlich traurig und düster. Aber sobald du wieder dort angekommen bist, hast du das Gefühl, tatsächlich endlich wieder frische Luft einatmen zu können.
Lurz gesagt: auf die Schnelle fallen mir vielleicht 2 Spiele ein, die eine ähnlich intensive Atmosphäre aufweisen konnten. Man wird als Spieler völlig automatisch immer wieder zum virtuellen Tschernobyl gezogen, weil man seinem Spieler-Ego aus der Patsche helfen will und endlich mal ein Erfolgserlebnis haben will.
Und das führt mich zu etwas anderem, nämlich dem historischen Kontext.
Tatsachen sind: Stalker spielt in einer radioaktiven, verseuchten Zone. Die gibt es auch ums echte Tschernobyl. Sie wird auch bewacht. In Stalker gibt es mutierte Tiere. Geburten von Ziegen mit 4 Hörnern und Schlimmeres wurde auch in der echten Ukraine dokumentiert. In Stalker plündern Menschen die Ruinen der Region und werden dabei vom Militär gejagt. In der echten Ukraine schoss die Polizei irgendwann auf Plünderer in den Städten um das AKW, weil sie kontaminierte Gegenstände gestohlen und in anderen Städten verhökert, d.h. die Strahlung aus der Zone rausgeschleppt haben. Im Spiel wächst die Zone - Strahlenzombies dringen weiter nach außen, die Zonengrenze wird verschoben. In der echten Ukraine auch: Im Umkreis von 250 Kilometern sind inzwischen 2000 Dörfer und Städte verlassen, verwildert, von den Karten getilgt und sogar manchmal abgerissen worden und die Region blutet weiter aus.
In Stalker gibt es eine Müllhaldenregion. Diese gibt's auch in der echten Region. Der Schrottplatz im Spiel gleicht dabei denen in der Realität optisch wie ein Ei dem Andern. Auch den "Roten Wald" gibt es in der Realität, die Stadt Prypjat wurde dem Original nachempfunden. Sogar das, was einige Stalker im Spiel sagen, ähnelt vom Wortlaut stark dem, was eine Ukrainerin, die die Zone mit ihrer Kamera bewaffnet durchstreift, in ihrem Webblog äußert. Das Bild, was man im Hauptmenü des Spiels vom AKW sieht, zeigt die gleiche Perspektive, die gleichen Einzelheiten wie einige Fotos, die man im Internet findet. Ich kann's nicht anders sagen: Stalker ist authentisch, irgendwie. Klar, dieser ganze Zombiekram ist natürlich Schwachsinn, auch das mit den PSI-Mutanten und so weiter. Aber dass man im Moment noch auf einem sicheren Punkt steht und nur 2 Meter weiter von Gammastrahlen geröstet werden könnte, bringt das Spiel genauso rüber, wie man sich es vorstellt, wenn man Berichte aus der tatsächlichen Zone liest. Die Einsamkeit und der Verfall der Region wurden so eindinglich dargestellt wie in einem Kunstwerk - nicht zuletzt weil die Entwickler die Spielwelt der echten nachempfunden haben (wollen).
Damit ist Stalker ein Spiel, dass neben der soliden technischen Umsetzung und der unschlagbaren Atmosphäre vor allen Dingen mit einer Art "Botschaft" aufweisen kann, die sonst kaum ein Spiel besitzt. Ist mir Tschernobyl bis vor einer Weile an meinem 19jährigen Hinterteil vorbeigegangen, hat es das Spiel geschafft, dass ich im Web das Spiel mit der Realität abgeglichen habe, in Stalker eine Moral gefunden habe (Überheblichkeit des Menschen, Blabla, ihr wisst schon) und trotzdem noch verdammt viel Spaß am Spiel empfinde. Stalker schafft durch seine.... 'Geilheit' die Verbindung von Spaß und politschem Bewusstsein, ist dadurch unbestreitbarer Beweis für die Kulturtauglichkeit von Video- und Computerspielen, so man so etwas nur genau genug betrachtet.
Also: Kaufen, Zocken, Nachdenken.