Bereits die Veröffentlichung von "Zooma", dem ersten Album des britischen Musikers war eine echte Sensation in der Musikwelt: Schließlich hatte Jones (bis auf den Soundtrack zum Horrorstreifen "Scream For Help") seit fast 20 Jahren kein Tönchen von sich gegeben. Zwar hatte er immer fleißig Bands produziert (u.a. The Mission), anderen wiederum mit seinem fachmännischen Können beim Arrangieren geholfen (z.B. R.E.M.), um seine Musik war es jedoch etwas still geworden. Das mag daran gelegen haben, dass sich John Paul Jones in den Neunzigern vornehmlich mit der Komposition von quasi zeitgenössischer klassischer Musik beschäftigt hatte. "Zooma" war 1999 ein echter Lichtblick, ein unerwartetes und ebenso provokantes Statement einer fast vergessenen musikalischen Legende.
Nun erschien unlängst mit "The Thunderthief" das zweite Album des Multiinstrumentalisten, der auf seinem neuen Album nicht weniger als 20 (!!!) verschiedene Instrumente spielt. Erstmals kann man John Paul Jones auch singen hören! Wer hätte das gedacht? Es scheint, als laufe Jones, der immerhin mittlerweile fast 60 Lenze zählt, an der Schwelle zum Rentenalter noch mal zur Hochform auf. Während seine Ex-Kollegen Jimmy Page und Robert Plant es mit ihren Soloalben nie wagten zu weit über den Rock- und Bluestellerrand hinaus zu schauen, geht Jones durchaus zeitgemäße Wege, eckt mit harten Riffs, bollernden Beats und rauhen musikalischen Kanten immer wieder an. Keine Frage: "The Thunderthief" ist, noch mehr als es "Zooma" war, ein Album, für das man sich Zeit nehmen muss. Keine musikalische Liebe auf den ersten Blick, aber wie im "richtigen Leben" sollen ja gerade die Beziehungen, die sich erst beim zweiten oder dritten Anlauf ergeben haben oft die gehaltvollsten sein.
Kommen wir zu den Songs: Während "Zooma" in dieser Beziehung teils etwas unausgegoren wirkte, kann "The Thunderthief" in dieser Hinsicht mit starken Verbesserungen aufwarten. Sehr unterschiedliche Kompositionen fügen sich zu einem wirklich wertvollen Ganzen zusammen. Eine Eigenschaft, die Jones beim "Zooma" - Output nicht erreichen konnte. Highlights sind u.a. "Hoediddle" mit seinem sphärisch-psychedelischen Beginn, der sich dann in eine wahre Groove-Orgie mit orientalischen Elementen steigert und sich stimmungsvoll in einem wunderschönen Folksong-Outro verliert. Weiterhin ist in jedem Fall die wunderschöne Piano-Ballade "Ice Fishing At Night" zu erwähnen, bei der John Paul Jones sich selbst auf dem Piano begleitet und im langen Mittelteil eine Fugenkonstruktion aus dem Ärmel schüttelt. Hier kommen unweigerlich Gedanken an "No Quarter" auf. Jones' Stimme indes erinnert hier sehr an R.E.M.'s Michael Stipe. Für mich ist "Ice Fishing At Night" das unbedingte Highlight der CD. Der Titelsong "Thunderthief" orientiert sich teils sehr an groove-orientierter Crossovermusik. Dies erfolgt jedoch ohne das Schielen auf Trends oder ähnliches. Vielmehr entwickelt John Paul Jones seinen eigenen Crossover - Stil und bringt im "Refrain" sehr schräge, chromatische Harmonien ein, die ein ums andere mal daran erinnern, dass Jones klassisch ausgebildeter Kirchenorganist ist. Mit "Down The River To Pray" (ein von Jones umarrangierter Folksong) und dem letzten Stück der CD, dem "Freedom Song" werden wieder Erinnerungen wach an die beste Rockband, die es je gegeben hat und je geben wird: Led Zeppelin.
Als Fazit lässt sich festhalten, dass John Paul Jones gezielt die Schwachpunkte des Vorgängers "Zooma" ausmerzen konnte, sich aber seinem Stil treu geblieben ist. "The Thunderthief" ist ein sehr vielschichtiges Album, welches von fast unerträglichen Lärmorgien bis hin zu den zartesten und verspieltesten Mandolinenklängen alles beinhaltet, was man sich im Bereich der Rockmusik so vorstellen kann. John Paul Jones musiziert dabei durchaus auf der Höhe der Zeit und ist insofern seinen Ex-Kollegen Page und Plant wieder eine Nasenlänge voraus. In Punkto Songwriting muss eben diesen beiden jedoch noch ein deutlicher Vorsprung eingeräumt werden. Songs wie "Daphne" oder "Shibuya Bop" können nämlich leider nicht mit dem Rest des Materials Schritt halten. Trotzdem: Ein hervorragendes Album, welches die Höchstnote ankratzt. Ach so, erwähnenswert ist sicherlich, dass mit Terl Bryant heuer der derzeitige Schlagzeuger von King Crimson auf "The Thunderthief" die Felle gerbt. Sehr schön...