Die Türkei ist unterwegs nach Europa, was nicht heisst, dass sie dort überall willkommen ist. Selbst wenn sie alle EU-Richtlinien erfüllt, bleibt das moslemische Land fremdartig genug, um westliches Misstrauen lebendig zu halten. Dieses lebt nicht nur von alten Vorurteilen, sondern findet im Alltag immer wieder neue Nahrung. Der Augenschein bestätigt freilich ebenso, wie weit sich die Türken von ihrer orientalischen Vergangenheit entfernt haben und für welchen Weg die Mehrheit an der Schnittstelle zwischen Asien und Europa schon optiert hat.
Wer die widersprüchlichen Impressionen deuten möchte, braucht viel Sachkenntnis und Einfühlungsvermögen. Susanne Güsten und Thomas Seibert, die für deutsche Medien seit zehn Jahren in Istanbul arbeiten, haben offenbar beides. Ihre Türkei-Fibel gibt auf gängige Vorurteile knappe Antworten, die jedoch ausreichen, um in der öffentlichen Diskussion mitreden zu können.
Nach der Lektüre versteht man die aus dem Zusammenprall von Tradition und Gesetz erwachsenden Konflikte, die dominierende Rolle der Armee, den gewaltigen Unterschied zwischen Stadt und Land und die Ursachen des Misstrauens gegenüber dem Ausland und allen Minderheiten. Einleuchtend wird erklärt, warum der Islam entspannter praktiziert wird, als in den arabischen Staaten. Dass Atatürk bei seinem Tod 1938 eine unfertige Demokratie hinterliess, ist vielleicht keine Überraschung, wohl aber, dass der Respekt vor dem Gründer der neuen Türkei bis heute nicht nur überfällige Reformen, sondern vor allem das Denken in zeitgenössischen Bahnen behindert. Das Büchlein ist überraschend ausgewogen, weil es bei vielen Fragen die Argumente pro und kontra präsentiert und dem Leser das Urteil überlässt.
W.H., Berlin