Haben Sie schon einmal von einem Karmathriller gehört? Wenn nicht, werden Sie sich zunächst fragen, ob damit der Nervenkitzel beim Lesen des tibetischen Totenbuchs gemeint ist, oder ob es letztlich doch um Mord und Totschlag geht? Fast liegt der Verdacht nahe, daß uns esoterische Kreise hier die reißerische Aufbereitung der Frage nach der nächsten Wiedergeburt beantworten wollen. „Gibt es ein nächstes Leben?" heißt die Frage auf dem Buchumschlag, „und wenn ja, müssen wir da mitmachen? Wenn wir nicht aufpassen, finden wir uns nämlich im Gewand eines Zollbeamten am Ende der Welt oder, wenn wir besonders Pech haben, eines wenig geachteten Schafmetzgers oder tibetischen Lamas wieder". Sicher werden jetzt manche ausrufen: Wie schändlich! Wie kann man die armen Tibeter in solch einen Rahmen packen! Doch haben wir schon die Morde vergessen, die vor zwei Jahren in Dharamsala, just 200 Meter gegenüber der Residenz des Dalai Lama, an einem ehrwürdigen Mönch und zwei seiner Schüler begangen wurde. Spätestens erfaßt uns Nachdenklichkeit, und wir blättern vielleicht doch etwas im „Karma-thrilller", liest ein wenig rein. Und immerhin haben die meisten Tibetreisenden ja schon erfaßt, daß Tibeter auch nur Menschen sind, mit großen und kleinen Schwächen, liebenswürdig, aber - Gott sei dank - durchaus keine Heiligen. So wie das Christentum mit seinen an sich sehr schönen und hohen Idealen uns ebenfalls noch nicht alle zu Heiligen hat machen können. Mit diesem Wissen oder dieser Ahnung im Hinterkopf tut es dem Leser gleich einmal gut, daß die 'Story' so unverkrampft losgeht - in Gailingen, einem kleinen, aber wunderschön gelegenen Ort in Südbaden (der Rezensent weiß das, ist er doch, ohne vom Karmathriller-Autor dorthin wiedergeboren worden zu sein) direkt an der Schweizer Grenze. Hier geht es unbefangen und doch rasant los, als da zwei tibetische Mönche aus dem Schweizer Exilkloster in Rikon in einem alten VW Käfer in die Hochrheingemeinde brausen und dort die Reinkarnation ihres verstorbenen Lamas im Sohn eines Zöllners wiederfinden. Sollen wir das abstrus nennen, wo doch sogar der Dalai Lama schon öffentlich verkündet hat, er werde im Westen wiedergeboren? Hin und wieder wird dem Leser ein amüsiertes Lächeln abgerungen, wenn er zum Beispiel erfährt, daß der Mönch-Fahrer des VW Käfers den Wagen etwa so steuere, wie des Zöllnerbuben damals zweiundachtzigjährige Oma den Toaster bediente: „letztlich ungläubig und im tiefsten Inneren fassungslos darüber, daß das Gerät überhaupt etwas machte". Im Nu sind wir natürlich gespannt, was weiter aus diesem südbadischen Lama-Knaben wird. Und das genau wird nun nicht erzählt, obschon es schwerfällt, damit hinter dem Berg zu halten, nachdem das Buch heute nacht um eins ausgelesen aus der Hand gelegt wurde. Er habe das Seine getan, berichtet der Lama zum Schluß. Wir sagen, der Leser tue das Seine. Er lese selbst, wie in diesem 'Bericht', der dem Verlag „von einem hohen Repräsentanten des tibetischen Buddhismus zugespielt wurde, die Karmafrage auf den Punkt bringt, an dem sie keiner haben wollte". Schon gar nicht jene, die sich ihr verklärtes Tibetbild bewahren wollen. Denn an den Figuren könnte durchaus mehr wahr sein, als manch einer glauben möchte...
Andreas Gruschke