Isländische Goldgräbergeschichten
Einar Kárasons Roman «Törichter Männer Rat»
Einar Kárasons Stärke liegt in der Prägnanz seiner Personen, er schreibt einen Roman von über 300 Seiten Umfang mit einem Dutzend Protagonisten nebst zahlreichen Nebenfiguren, die sich alle einprägen, die alle etwas Spezielles und zugleich Gültiges verkörpern, oft in grotesker Verzerrung oder ironisiert, die aber dennoch glaubwürdig und wirklichkeitsnah sind, isländisch eben. Kárason schildert den Überlebenskampf der Killian-Sippe, er erzählt von heldenhaften Niederlagen und vom trotzigen Aufbäumen, von Konkursen und von Triumphen. Der Name erinnert nicht nur an ein allgemein gebräuchliches englisches Verb, er ist auch eine Reverenz vor Halldór Kiljan Laxness. In Kárasons noch nicht übersetztem Roman «Quecksilber» heisst der Erzähler dann gar Halldór Killian.
Der Roman ist fesselnd erzählt und voller Überraschungen, doch besteht die Gefahr, dass Leser, die mit der Geschichte Islands nicht vertraut sind, ihn als eine Sammlung von Absonderlichkeiten empfinden und im übrigen ratlos bleiben. «Törichter Männer Rat» greift aber tiefer, vieles schwingt mit in diesem Text, ohne dass es immer ausgesprochen würde oder für den fremden Leser sofort erkennbar wäre. So ist immer wieder von einer sonderbaren Gestalt namens Einar Benediktsson die Rede. Dieser Mann, der von 1864 bis 1940 lebte, war ein Dichter und Financier, eine schillernde Persönlichkeit. Als Motto hat Kárason seinem Buch einige Verse Benediktssons vorangesetzt: «Betrunkene Männer und leidende Frauen / lagen im Laderaum gestapelt wie Schrott.» Die Verse, die einem 1897 veröffentlichten Gedicht entnommen sind, meinen die Isländer. «Verachtung lag auf den Gesichtern der Dänen», heisst es im nächsten Vers (den uns Kárason allerdings vorenthält). Um Kárasons Roman zu verstehen, muss man wissen, dass Island damals wirtschaftlich und finanziell völlig darniederlag. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein besassen diese Inselmenschen nicht einmal Schiffe, mit denen sie sich auf die hohe See hinaus hätten wagen können.
In Kárasons Buch steht ein alter Bauer für das Island des vergangenen Jahrhunderts, ein Mann, der sich nie um seine Arbeit kümmerte und statt dessen allerhand «Wissenschaften» betrieb und sich schwer verschuldete. Er hatte «eine scharfe, modrige Ausdünstung, wahrscheinlich wusch er sich nie. Für diese Vermutung sprach auch, dass er in einem seiner Vorträge über Niedergang und Verfall in der Moderne die Auffassung vertrat, der Grund für die Verwandlung der Isländer von einem Heldengeschlecht in einen elenden Haufen von Schwächlingen und Versagern liege vor allem in der Irrlehre des Sauberkeitswahns, die dem Volk heute überall gepredigt werde. Die Leute verbrächten Zeit und Unzeit damit, ihre Haut rosa zu scheuern, und seien daher natürlich allen Krankheiten und Erregern schutzlos ausgeliefert.» Kárasons Zungenschlag wirkt skurril, gewiss, und seine Figuren sind verschroben. Sobald man aber um die Hintergründe weiss, sobald man die (nicht expressis verbis thematisierte, gleichwohl aber präsente) Geschichte des Landes kennt, erhält selbst eine Figur wie dieser stinkende Landwirt einen fast tragischen Unterton.
«Törichter Männer Rat» ist ein Roman über Geld, über den Traum vom Wohlstand, über finanzielle Transaktionen und Spekulationen. Der Aufbruch wird in Gang gesetzt vom bereits erwähnten Dichter Benediktsson, der 1922 einen Vertrag mit der «Nordischen Bergbaugesellschaft» in Hamburg über Goldabbau auf dem Hof Laekjarbakki schliesst und mit den Arbeiten einen jungen ehrgeizigen Mann, Sigfús Killian, den Stammvater der Killian-Sippe, beauftragt. Das Schicksal Killians spiegelt sich in jenem des Dichters Benediktsson, der die Killiansche Goldgräbermentalität auf einer vornehmeren, würdigeren Ebene verkörpert. Benediktsson war ein Mann mit einer Vision. Er träumte davon und dichtete darüber, dass Island stark und mächtig werden müsse, er wollte die isländische Wasserkraft nutzbar machen und suchte ausländische Investoren. Doch kein einziges seiner Projekte kam zur Ausführung. Sie scheiterten alle, nicht zuletzt auch am Widerstand seiner Landsleute, die Angst hatten vor ausländischem Kapital.
Gleichwohl wurde der Dichter in der Legende zu einem Triumphator, zu einem «grossen Sohn» des Landes. Betörend wirkte sein Lebensstil, sein Auftreten in der grossen Welt. Er residierte u. a. in einer Villa ausserhalb Londons, wo vor ihm der Bischof von Kensington (oder war es ein anderer Bischof?) gewohnt hatte. Zugleich bezog er in einem der vornehmsten Hotels der City eine ganze Etage, um dort die reichsten Männer des Empire zu empfangen, die ihn wegen seiner Grossprojekte konsultierten. Noch heute sind derart viele Geschichten über diesen bemerkenswerten Mann im Umlauf, dass es schwierig ist, zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden.
In der kollektiven Erinnerung seiner Landsleute lebt er fort als der Isländer, der selbst Vertreter der internationalen Hochfinanz zum Narren hielt. Und er lebt fort als ein Isländer, der die geniale Gabe besass, schnell zu viel Geld zu kommen, und die fast ebenso geniale Gabe, dieses sogleich wieder mit vollen Händen auszugeben. Nicht demütig oder unterwürfig trat er auf (und wir erinnern uns der eingangs zitierten Verse über die betrunkenen Männer und leidenden Frauen) nein: «Mit selbstbewusster, imposanter Haltung durchstreifte er die Grossstädte Europas. Hier bin ich, Einar Benediktsson, der Dichter, der neue Wikinger Islands, der wiedergeborene Wäringer, gehorche keinem König, weiche keiner Übermacht, bin selber von königlichem Geblüt, frei und reich, lasse den Rubel rollen, kommt alle her und seht, wie reich ich bin.» Das ist das Bild, das die Isländer (wie 1949 eine Literaturgeschichte festhielt) von ihrem Landsmann bewahrten, der (wie Kárason schreibt) eine «messianische Persönlichkeit» war. Obwohl ihm alles misslang ausser einigen Gedichten, die noch heute in den Schullesebüchern zu finden sind.
Aldo Keel
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