"Tödlicher Irrtum" ist einer der Agatha-Christie-Krimis, in denen die Meisterin nicht Hercule Poirot oder Miss Marple als Super-Detektive auftreten ließ. Beide Figuren bieten meistens zwei enorme Pluspunkte: Sie sorgen für witzig-skurrile, manchmal auch schlicht humorvoll-warmherzige Aufhellung der oft doch düster gehaltenen Plots. Zweitens und noch wichtiger: Marple- und Poirot-Romane bieten fast immer raffinierte Auflösungen, deren Erreichen auch deshalb so unterhaltsam ist, weil beide Detektive genialisch daran werkeln und man den "So war es wirklich" - Moment genussvoll begleiten kann. Wenn in AC-Romanen also Marple und Poirot fehlen, dann muss man auf eine starke Geschichte hoffen - wie sie zum Beispiel die "Zehn kleinen Negerlein" bieten.
"Tödlicher Irrtum" nun laboriert ganz außerordentlich an beiden Fehlern und verliert sich oft in einer nutzlosen Geschwätzigkeit. Die Handlung: Arthur Calgary entdeckt, dass er einem vor zwei Jahren wegen des Mordes an seiner (Adoptiv-)Mutter verurteilten und mittlerweile verstorbenem jungen Mann ein Alibi hätte geben können, was unglückliche Umstände verhinderten. Von Schuldgefühlen getrieben, betreibt er eine Wiederaufnahme des Falles und sticht so in ein Wespennest, denn die Familie von Opfer und Täter hatte sich mit der Erklärung, der Sohn sei krankhaft veranlagt gewesen und für den Mord an der Mutter nicht vollständig zur Rechenschaft zu ziehen gewesen, bis jetzt gut arrangiert. Jetzt ist jeder jedem verdächtig...
Agatha Christie entwirft erstaunlich oft das Bild einer im Kern faulen Familie, deren (unschuldige) Mitglieder dann aber quasi erlöst aus dem Ganzen hervorgehen, so in "Hercule Poirots Weihnachten", "Rendezvous mit einer Leiche" oder "Das fehlende Glied in der Kette". Dieses Motiv ist auch hier vertreten, aber nicht sehr sorgfältig ausgezeichnet: Die meisten Figuren bleiben blässlich. Das ist Manko Nummer eins. Viel schlimmer aber: Über weite Strecken wird einfach nur geplappert, an Beziehungen untereinander gearbeitet und ein bisschen ertraglos ermittelt, bis zum Schluss in einer Art deus-ex-machina-Effekt jemandem die richtige Lösung einfällt, die dann auch prompt an den Mann/die Frau gebracht wird und flugs das Ganze beendet. Im Grunde betreibt also Agatha Christie Hochstapelei: Ein Krimi ist das eigentlich nicht. Und die Identität des Mörders ist denn dann auch doppelt und dreifach uninteressant, weil er vorher kaum als Person eingeführt worden ist, weil das Motiv zu schwach scheint und weil sich eigentlich von vornherein keiner wirklich dafür interessiert hat, wer's denn nun war.
Fazit: Das alles wirkt wie eine kleine Trainingseinheit fürs Meisterhafte, weil viele typische Christie-Elemente drin sind. Das alles spielt aber nur in der Kreisklasse. Wer Champions League lesen will, sollte besser einen anderen Christie zur Hand nehmen.