Schokoladenkekse zu kaufen kann verhängnisvoll sein. Denn ist die Packung erstmal leer und rückt der nächste regnerische Nachmittag heran, schlägt das Bauchgefühl Alarm: Bitte Schokokekse! Die gleiche Lust an Kauf und Verzehr, allerdings geistiger Art, erzeugen die Thriller von Val McDermid: Bitte mehr Val, aber pronto!
Die 1955 geborene Schottin ist lesbisch und trägt diese Eigenschaft oft in ihre Bücher ein. So ist McDermids bekannteste Figur die lesbische Journalistin Lindsey Gordon (z.B. Die Geiselnahme, ISBN 3886198731). Weitere Serien handeln von der Privatdetektivin Kate Brannigan (z.B. Das Gesetz der Serie, ISBN 3426618893, Neuauflage 2006) und dem Team von Profiler Tony Hill und Detective Inspector Carol Jordan.
Und letzteres möchte ich hier hervor heben, denn das Zusammenspiel zweier Protagonisten macht die Reihe um Tony und Carol so spannend. Der erste kämpft mit seinen psychischen Problemen (wobei er ja pikanterweise selbst Psychater ist), leidet seit Jugendtagen unter Impotenz und arbeitet als Profiler für die Polizei, zwischenzeitlich auch an der Universität und in psychatrischen Einrichtungen. Carol dagegen ist die personifizierte Vollblutpolizistin, erfolgreich, schlau, ehrgeizig und dazu noch recht hübsch anzusehen.
Das mag nun nach Klischees klingen und vorhersehbaren Abläufen, doch McDermid bekommt die Kurve hin. Zwischen Carol und Tony knistert es gewaltig, aber selbst im neuesten Buch Tödliche Worte ist immer noch nichts klar. Vorsichtige Annäherungen, die wegen eines tragischen Zwischenfalls im dritten Band alles zunichte machen. A little bit of love, bitte sehr.
Zum Glück rutscht McDermid nie ins Kitschige ab, denn dafür ist Tony einfach zu liebenswert-schrullig und Carol zu nervös. Ein Grund dafür ist auch das in mehreren Rezensionen viel gelobte Vermögen der Autorin, sich in das Innere eines Serienmörders hineindenken zu können. Denn, dass muss gesagt sein, der Mörder ist von Beginn jedes Buches an präsent. Passagenweise ändert sich die Erzählperspektive in die des gejagten Killers und zuweilen ist schon sehr früh klar, wer hinter den Bluttaten steckt. Und mit sehr früh meine ich sehr früh!
Dies mag manchen Leser langweiligen, doch die Jagd nach dem (fast) Unbekannten, dessen geheime Gedanken offen da liegen, fesselt bis zur letzten Seite. Sicher ist diese Erzähltechnik nicht jedermanns Sache, doch kommt es nicht von ungefähr, dass Das Lied der Sirenen 1995 mit dem Golden Dagger Award für den besten Kriminalfall des Jahres ausgezeichnet wurde. Auch wenn die Thriller von Val McDermid nichts für schwache Gemüter sind: eine Packung Schokoladenkekse eignet sich perfekt zur Lektüre!
Tony Hill/Carol Jordan-Reihe
Das Lied der Sirenen (The Mermaids' Singing, 1995)
Schlussblende (The Wire in the Blood, 1997)
Ein kalter Strom (The Last Temptation, 2002)
Tödliche Worte (The Torment of Others, 2004)