*Royce legte Mencken die Hand auf die Schulter und beobachte den Spiegel in der Flasche. Einen Augenblick später löste sich der erste Tropfen. Royce wartete. Menckens Haut glühte unter seiner Handfläche. Am Schulterknochen verlief ein Muskelstrang. Jetzt ertasteten seine Fingerspitzen auch die beiden kreisrunden Narben im Nacken. "Ein paarmal tief einatmen", flüsterte Royce. Er schwitzte jetzt genauso heftig wie Mencken. Die Flasche war halb leer. Royce zwang sich, den Blick von der Flasche loszureißen und Mencken anzusehen.
Die Augen des Verurteilten, in die er jetzt sah, waren groß, dunkel und feucht. Dann gähnte Mencken. Es war der einzige Laut im Raum. Zweimal atmete Mencken tief ein, jedes Mal schien es, als habe er Mühe, Luft zu holen. Seine Nasenflügel bebten. Er atmete zum zweiten Mal aus und erwiederte Royce' starren Blick. Er schüttelte den Kopf, bewegte die Lippen. Schnell beugte sich Royce hinunter, um Menckens letzte Worte zu verstehen. "Colleen, ich ... hab es nicht getan ...", flüsterte er. Mencken starrte ihn noch immer an, aber der Blick seiner Augen war leer. Ein kaum wahrnehmbares Lächeln umspielte seine Lippen.*
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Zum Inhalt: Als Gefängnisarzt von Huntsville, Texas, hat Dr. Royce die sehr unangenehme Aufgabe, die Hinrichtung eines zum Tode verurteilten jungen Schwarzen medizinisch zu begleiten bzw. zu vollstrecken. Der Delinquent erscheint in Anbetracht seines Schicksals sonderbar unbeteiligt. Noch während das Gift in die Adern des jungen Mannes strömt, kommen Dr. Royce erste ernste Zweifel an dessen Schuld. Später, auf der Flucht vor seiner ruinierten Ehe, zieht Royce fortan gen Dallas los, um in den Elendsvierteln mehr über den Background des exekutierten Häftlings in Erfahrung zu bringen ...
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Fazit: Jim Nisbets Noir-Thriller sind inzwischen moderne Klassiker.
"Tödliche Injektion / Lethal Injection" erschien erstmals 1989 und liegt hiermit komplett neu übersetzt als Neuauflage vor - und die Übersetzung ist: Top!
Ein fulminanter Roman, ein Trip in die Drogen-, Sex- und Gewalthölle.
Ein Roman Noir: Beeindruckend, prall und zynisch, teilweise verstörend, aber immer düster, schwarz und gut. Dunkelste Verwerfungen und Selbstzerstörung in einer gewalttätigen Zivilisation.
Unbedingt lesen ... Höchst empfehlenswert.
[Reinhard Busse]