Mittlerweile eher aus dem Rampenlicht internationalen Interesses gerückt bleibt das seit Jahrhunderten kriegsgebeutelte Tschetschenien doch ein Krisengebiet. ORF-Korrespondentin Dr.in Susanne Scholl wurde für ihre Tschetschenien-Berichterstattung 2006 sogar vorübergehend festgenommen. Aus ihrer intensiven Beschäftigung mit Tschetschenien ist auch dieses Buch hervorgegangen, das sich explizit mit den überlebenden Frauen der beiden Kriege befasst und beispielgebende Lebensgeschichten dokumentiert.
Wie etwa die von Sowdat, welche 1944 als 11jährige die Deportation der Tschetschenen nach Sibirien und Kasachstan miterlebte, ihre erste Tochter von der Schwiegermutter geraubt wurde. Entgegen der Meinung der Autorin ist dieser Kindsraub etwas das uns Mitteleuropäern im Grunde nicht fremd ist, machte Erzherzogin Sophie nicht genau das einst mit den ersten beiden Kindern Kaiserin Elisabeths. Traditionen und Bräuche, wie sie von den konservativen katholischen Habsburgern hochgehalten wurden, finden sich auch in der dem Islam zugeneigten tschetschenischen Gesellschaft wieder. Sowdats zweite Tochter, Eva findet dazu klare Worte, die auch die Lage der tschetschenischen Frauen sehr treffend beschreiben:
"Unsere Traditionen, unsere Mentalität haben nicht wir erfunden, aber unser ganzes Leben lang haben wir uns immer dem ungeschriebenen Gesetz der Berge unterworfen! Ich bin überzeugt, dass es in diesem Gesetz auch viel Positives gibt. Aber weil den Frauen vor allem die negativen Seiten zufallen sehen wir das Positive daran immer weniger."
Eva selbst erlebte die Geburt ihres ersten Sohnes während des 1. Tschetschenienkrieges und die Totgeburt eines zweiten Kindes in den Wirren des 2. Tschetschenienkrieges.
"Töchter des Krieges" vermittelt ein sehr interessantes Tschetschenienbild, vor allem aber ein persönliches. Es sind nicht nur Lebensbilder, sondern auch Kommentare der Autorin selbst, die zu einem besseren Verständnis der geschichtlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen beitragen. Während überlebende Männer oft leeren Blickes wirken als wären sie seit dem Krieg gebrochen, sind es sozusagen die tschetschenischen Trümmerfrauen, die nun zum Wiederaufbau ihrer Heimat beitragen müssen, fernab der von ausländischen Baukolonnen errichteten öffentlichen Bauten. Im Anhang findet sich schließlich ein kurzer historischer Abriss zur Geschichte Tschetscheniens, die einen sehr prägenden Eindruck hinterlässt.
Fazit:
Beklemmend ohne Fotos der zerstörten Regionen zu zeigen, lässt "Töchter des Krieges" nicht kalt. Man beginnt sich unweigerlich Fragen zu stellen, nachzudenken und damit erfüllt das Buch einen wichtigen Zweck, nämlich zu eigenen Denken anzuregen, über Traditionen, Frauenschicksalen, Krieg und den Interessen hinter all dem.