Der Autor dieses schmalen, aber nicht leicht lesbaren Buches beklagt in seinem Werk, dass uns die Wirtschaft täuscht und betrügt. Schon mit dem Titel habe ich ein Problem. In dieser Allgemeinheit Täuschung zu unterstellen, ist sicher nicht gerechtfertigt. Das geben selbst die vielen Beispiele nicht her, die wir im ersten Kapitel lesen. Zur Wirtschaft gehören auch einfache Handwerksbetriebe, kleine Familienunternehmen und die überwiegend sauber arbeitenden mittelständigen Betriebe in diesem Land, die den größten Teil der Wirtschaftsleistung erbringen.
Jeder hat in seinem Leben schon mehr als einmal mit Betrug und Täuschung zu tun gehabt. Solche Dinge gab es schon vor tausenden von Jahren, und sie werden auch in Zukunft nicht aussterben. Was also ist neu an dem vom Autor beklagten Zustand? Wenn es nämlich eine Konstante in der Geschichte gibt, dann ist es mit Sicherheit das menschliche Verhalten. Immer wieder haben große Geister eine ideale Welt angemahnt. Doch genützt hat dies noch nie. Die Forderung des Autors, Wirtschaft neu zu erfinden, wird deshalb genauso ungehört verhallen, wie die vielen scheinbar klugen Ratschläge anderer Autoren aus längst vergangenen Zeiten.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert und enthält einen kleinen Anhang, der sich mit einem bei Goldman Sachs kürzlich aufgedeckten gravierendem Betrugsfall befasst. In den ersten 70 Seiten erklärt uns Alexander Dill an 13 Beispielen seine These. Die einzelnen Geschichten sind lehrreich in vielerlei Beziehungen. Sie zeigen, dass man durchaus an manchen Stellen von Täuschungen und Betrug ausgehen kann, wenngleich dies natürlich im rein juristischen Sinne eine Definitionsfrage ist. Wenn also beispielsweise ein Überziehungskredit mit 15-20% Zinsen belastet wird, die Bank ihr Geld jedoch für 1-4% Zinsen erhält, dann kann man auch von Wucher sprechen, wird aber keinen juristischen Erfolg haben, wenn man dagegen vorgehen wollte.
Andere Beispiele betreffen das leidige Versicherungswesen, die Autoleasing-Branche, Telefongesellschaften oder die Preisgestaltung und das Kleingedruckte bei der Deutschen Bahn oder das Verwirrspiel um Verpackungsgrößen. Dieser Teil des Buches liest sich gut, ist interessant und aufschlussreich. Die Beispiele stammen jedoch fast ausschließlich von Monopolisten, zu denen in meinen Augen auch der Staat zählt. Wenn man sich die Preisgestaltung bei der Bahn oder auch Billigfliegern ansieht, dann fällt tatsächlich ein Grundprinzip auf: Man möchte durch eine extrem komplizierte und nicht einmal vom eigenen Personal durchschaubare Preisgestaltung den Kunden verwirren und überdeckt dies durch Lockvogelangebote, die nur für eine Minderheit realisierbar sind. Dieses Grundprinzip hält nun auch bei anderen Produkten Einzug und wird durch das Aufgeben einheitlicher Packungsgrößen durch die EU noch gefördert.
Im zweiten Teil befasst sich der Autor mit der so genannten Harvard-Ökonomie. Er geht hier seiner These auf einer höheren Ebene nach und zeigt, wie Regierungen und Ökonomen verschiedene Bilanzen von Staaten und Unternehmen durch merkwürdige Tricks manipulieren. Leider haben auch wir unsere deutschen Standards zugunsten dieser amerikanischen Methoden aufgegeben und leben nun ebenso in einem Land der ökonomischen Schönheitsoperationen. Dem Normalbürger fällt dies gewiss nicht auf. Er merkt das höchstens einmal an der zusammengeschummelten offiziellen Inflationsrate, die seinem persönlichen Erleben nicht immer entsprechen will.
Leider lassen Lesbarkeit und Konsistenz des Textes im zweiten Teil etwas nach. So suggeriert uns der Autor hier zum Beispiel, dass die gegenwärtige Finanzkrise künstlich erzeugt wurde, damit bestimmte Kreise billig an Aktien kommen. Das ist eine recht abenteuerliche Behauptung. Er begründet sie hauptsächlich damit, dass der finale Crash bisher ausgeblieben ist. In der Tat ist die Krise hierzulande gefühlt nicht besonders groß, weil sie künstlich mit Mitteln entschleunigt wurde, die ihre wahren Ausmaße nur in die Zukunft verschoben haben.
Am Ende dieses Teils diskutiert Dill die Frage, warum Wirtschaft kein Schulfach ist. Er vergleicht dazu die Wirtschaft zunächst mit dem Straßenverkehr, der weltweit nach den gleichen Regeln funktioniert, um dann festzustellen, dass es für die Wirtschaft gar keine Regeln gibt, und sie deshalb nicht in der Schule gelehrt werden kann. Das ist wie so vieles in diesem Buch in gewisser Weise richtig und falsch zugleich. Eine Volkswirtschaft ist ein hochkomplexes dynamisches System, das einen hohen Grad an Selbstorganisation besitzt und von Rückkopplungen lebt. Der Straßenverkehr ist ein simples und starres System, das auf primitiven Regeln beruht und von der Sache her jede Art von Selbstorganisation verbietet. Beide Systeme in eine Art wertende Beziehung zu stellen, ist gelinde gesagt absurd. Natürlich kann man Grundprinzipien der Wirtschaft in der Schule lehren, und das wird wohl auch getan.
Im letzten Teil bemüht sich der Autor um eine Neuerfindung der Wirtschaft. Das ist zwar nicht uninteressant, wird aber nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Denn Wirtschaft hat niemand erfunden, deshalb kann sie auch nicht neu erfunden werden. Dennoch entwickelt Dill ein Konzept, das er "Gemeingüterkapitalismus" nennt und von dem er hofft, dass sich in ihm "die kreativen Potenziale des Privateigentums mit den sozialen und natürlichen Gemeingütern verbinden". Interessanterweise definiert der Autor das Geburtsdatum der "Betrugs- und Ellenbogengesellschaft" in Deutschland durch den Eintritt der rot-grünen Regierung von Schröder und Fischer 1998.
Fazit.
Mich hat dieses Buch erwartungsgemäß etwas verwirrt. Es ist auch sehr schwer zu rezensieren, weil es eine Unmenge an wahren und zweifelhaften Behauptungen enthält, die darüber hinaus auch noch in Relation zueinander gesetzt werden. Der Text ist außerdem in sich nicht widerspruchfrei. Leider kann man darauf aber nicht detailliert eingehen, weil man dann das Buch gewissermaßen noch einmal schreiben müsste. Bei aller Kritik enthält der Text aber viele interessante und lehrreiche Informationen. Wenn es dem Autor gelungen wäre, den roten Faden immer straff in der Hand zu behalten und den Leser konsistenter durch seine Gedanken zu führen als ihn mit unbewiesenen und kaum erklärten Behauptungen zu verwirren, dann wäre ein viel besseres Buch entstanden. Drei und einen halben Stern.