Dass Elektroschock-Experiment Stanley Milgrams hat es eindrucksvoll bewiesen, fast jeder Mensch kann zum bedingungslosen Mörder werden, wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt sind. Sozialwissenschaftler Harald Welzer hat in seinem längst legendär gewordenen Buch "Täter: Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden" beschrieben, welche Faktoren ausschlaggebend dafür sind, dass jedermann zum Mörder werden kann. Der plausiblen Grundtheorie ungeachtet, lässt Welzer jedoch etwas von der Prägnanz vermissen, die in seinem neueren Werk "Klimakriege" zum Tragen kommt, wo er die hier formulierten Thesen weiterentwickelt hat. "Täter" hingegen konzentriert sich vor allem auf die 08/15-Mörder des Nazi-Regimes, wenn in den letzten Kapiteln auch kurz auf den Irak-Krieg und den Völkermord der Hutu an den Tutsi eingegangen wird.
"Nun lässt sich einwenden, dass die in Nürnberg Angeklagten auch keineswegs direkt Hand an ihre Opfer gelegt hatten und insofern - im Unterschied zu den Tätern aus den Einsatzgruppen oder den Mördern in den Konzentrationslagern oder den SS-Ärzten - auch nicht die Merkmale von sadistischen oder narzisstisch gestörten Persönlichkeiten haben mussten, um ihre Taten zu begehen. Aber auch, wenn man die Hierarchie Stufe für Stufe herabsteigt - über die höheren SS- und Polizeiführer zu den Einsatzgruppenkommandeuren, von den Rasseexperten im Rasse- und Siedlungshauptamt zu den KZ-Kommandanten, und von dort aus zu den Polizeibataillonsangehörigen an den Erschießungsgruben und zum Wachpersonal in den Lagern -, findet man nur ausnahmsweise Persönlichkeiten, etwa vom Schlag Ilse Kochs, der Ehefrau des seinerseits wegen Verfehlungen abgesetzten Kommandanten von Buchenwald, Erich Koch, oder Amon Göths, Kommandant des durch Steven Spielberg berühmt gewordenen Lagers Plaszow, der zum persönlichen Vergnügen Häftlinge von der Veranda seiner Villa aus zu erschießen pflegte." (S. 11) Nur höchstens 10% der NS-Täter und Kriegsverbrecher könnten krankhafte Psychopathen gewesen, der Rest von ihnen, ließ wie Adolf Eichmann lediglich eine erschreckende Normalität erkennen. Oder wie es Primo Levi formulierte: "Es gibt die Ungeheuer, aber sie sind zu wenig, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Wer gefährlicher ist, das sind die normalen Menschen."
"Eine Tat spielt sich [...] im Rahmen mehrer Kontexte ab, die von der gesellschaftlichen bis zur individuellen Ebene zu unterscheiden sind. Mit Hilfe einer solchen Unterscheidung lässt sich nicht nur beschrieben, was die Akteure getan haben, sondern auch, wie sie als Personen die jeweilige Situation wahrgenommen, welche situativen Bedingungen ihr Handeln bestimmt haben und unter welchen überindividuellen, jenseits der Grenzen der subjektiven Zurechnung liegenden, sozialen und normativen Rahmenbedingungen das jeweilige Handeln stattfand." (S. 17) Dabei ist es nicht einmal notwendig, dass die Täter ihr Handeln gut heißen, wie Welzer in Klimakriege festgestellt hat: "In der Tat ist das hervorstechende und deprimierende gemeinsame Merkmal von Täteraussagen im Zusammenhang von Massenmorden, dass eine persönliche Zurechnung von Schuld nirgendwo vorkommt, dagegen aber regelmäßig eine ostentative Darstellung dessen, dass man gegen seinen eigenen Willen und gegen sein eigenes Empfinden in die Lage gekommen war, grauenhafte Dinge zu tun."
Im richtigen Rahmen ist alles möglich, denn die Komplexität des menschlichen Handelns ist kein binäres System und es schließt sich scheinbar nicht aus trotz hoher moralischer Standards kaltblütige Morde zu begehen, wenn die Umstände entsprechen. Weder Zwang oder Überzeugung sind notwendig, der Mensch kann eben, durch äußere Einflüsse und innere Prozesse, zum Schluss gelangen, dass es notwendig ist, den moralischen Grundsatz dass man andere nicht verletzen soll auf ultimative Weise zu brechen. Die Gründe können vielfältig sein und das ist es, was Harald Welzer zu vermitteln versucht, dabei jedoch nicht erklären kann, ob man etwas dagegen unternehmen kann, außer mit einem vagen Verweis auf "wehret den Anfängen" und lernt aus der Geschichte.
Fast interessanter als Welzers Ausführungen zum Nationalsozialismus sind seine Analysen des Handelns amerikanischer GIs im Vietnam-Krieg, insbesonders des Massakers von My Lai (S. 227): "Das Töten in Vietnam ist also in vielerlei Hinsicht etwas anderes als das Töten im nationalsozialistischen Vernichtungskrieg. Gleichwohl macht dieser Fall deutlich, dass es nicht unbedingt eines autoritären oder diktatorischen Regimes bedarf, um Handlungsrahmen wie den von My Lai zu eröffnen und Menschen sich für unterschiedsloses Töten entscheiden zu lassen. Eine normative Hintergrundvoraussetzung, situative Anforderungen und individuelle Orientierungsbedürfnisse reichen offenbar dafür aus, dass das geschieht." Besonders anschaulich wird das an einer kurzen Befragung eines der Soldaten, die an My Lai beteiligt waren (S. 222-223):
A: Ich habe mein M 16 auf sie gehalten
F: Warum?
A: Weil sie hätten angreifen können
F: Es handelte sich um Kinder und Babies?
A: Ja.
F: Und sie hätten angreifen können? Kinder und Babies?
A. Sie hätten Handgranaten haben können. Die Mütter hätten sie auf uns werfen können.
F: Die Babies?
A: Ja.
F: Hatten die Mütter die Babies auf dem Arm?
A: Ich glaube ja.
F: Und die Babies wollten angreifen?
A: Ich habe jeden Moment damit gerechnet, dass sie einen Gegenangriff machen würden.
Abschließend formuliert der Autor folgende Parameter, die für die Wahrnehmungen, Interpretationen und Schlussfolgerungen der Täter bestimmend sind (S. 263):
- die normative Hintergrundannahme, dass eine Lösung des "Judenproblems" sinnvoll und wünschenswert sei,
- die Verschiebung des normativen Referenzrahmens in der totalen Situation,
- die Heterogenität der Wir-Gruppe, die tötet,
- die beständige situative Dynamisierung durch intendierte Handlungen und nicht-intendierte Handlungsfolgen,
- das praktische Konzept, dass Töten eine Arbeit und als solche ständig verbesserungsfähig ist, und schließlich
- dass Gewalt an sich nicht nur destruktiv ist, sondern für diejenigen, die sie ausüben, eine ganze Reihe konstruktiver Funktionen hat.
Die Umstände sind ausschlaggebend, das lässt sich aus Harald Welzers Analyse schließen, doch es bedarf auch immer eines bewussten Entschlusses, um einen Genozid möglich zu machen und gegen diesen, sowie die ausschlaggebenden Faktoren kann man etwas unternehmen. Man ist nicht völlig machtlos.
Was jedoch seine Ausführungen der Theorie angeht, spießt es sich ein wenig. Stellenweise sind Welzers Sätze derart mit Adjektiven überladen, dass man schlicht den Überblick verliert, die kleine Schrift der Taschenbuchausgabe tut dazu ihr übriges. Man vermisst immer die Prägnanz kurzer Sätze, die genau den Kern des ganzen beschreiben, anstatt darum herumzutänzeln. Das ist bedauerlich, denn die Botschaft hätte so noch weit eindringlicher vermittelt werden können.
Fazit:
Der Grundgedanke ist höchst interessant, die Präsentation jedoch problematisch, da meist mit komplizierten Formulierungen und Erläuterungen angereichert, die den Blick auf das Wesentliche verstellen können.