Noch nie ging es uns so gut wie heute. Wir haben ungeahnten Wohlstand bei immer weniger Arbeit; jedes Jahr beschert uns der technische Fortschritt neues Spielzeug. Wir sind gebildet wie nie zuvor - klar, Bildung ist wichtig. Wir leben im ewigen Frieden; dass der Krieg einmal zu uns kommt, ist undenkbar. Uns geschieht kein Unrecht, denn wir haben den Rechtsstaat; wir sind frei, denn wir haben die Demokratie. Geht es uns einmal schlecht, sorgt der Sozialstaat für uns - geht es uns gut, tragen wir unseren Teil bei, diesen Sozialstaat zu erhalten. Politiker und Experten achten auf unser Wohl - und sind wir einmal der Meinung, sie würden es nicht tun, wählen wir sie ab und setzen bessere an ihre Stelle. Frei sind wir auch von der alten, repressiven Moral, die uns vorschrieb, was wir zu tun und zu lassen hatten. Wir leben ganz eindeutig in der besten aller Welten.
In einer meisterhaften, manchmal bis ins Bitterböse gehenden Satire gelingt es Schulak und Taghizadegan, die Leere dieser uns von Schule, Politik und Fernsehen eingetrichterten Behauptungen bloßzulegen. Tatsächlich sind wir als Stimm-, Konsum- und Produktionsvieh gefangen im immergleichen System-Trott, im sich sinnlos drehenden Hamsterrad, das uns Bewegung nur vorgaukelt. Den Luftschlössern, die man uns hingezaubert hat und die wir uns selbst erträumt haben, kommen wir so um nichts näher.
Irgendwann mag uns das aufgehen, mögen die Luftschlösser im Nebel verschwimmen oder gar zerplatzen. Dann mag uns unsere Lage bewusst werden und wir werden wütend. Wir verweigern den Gehorsam, empören uns, protestieren, besetzen bestimmte Straßen und Plätze. Darin erschöpft sich ein guter Teil der über die Medien transportierten Empörungsstimmung und der Empörungsliteratur der letzten Zeit. Doch das sind nur Umbau- und Renovierungsarbeiten an den Luftschlössern, vielleicht auch deren Neubau. Im äußersten Falle wird der Wutbürger zum Trottel eines neuen Systems.
Schulak und Taghizadegan gehen weit darüber hinaus. Sie lassen den sich die Maske des Wutbürgers übergestülpt habenden Systemtrottel nicht nur aus der Sicherheit des Hamsterrades durch dessen Gitter das System beschimpfen - nein, sie brechen mit ihm gemeinsam aus, sie wagen den Sprung auf den Boden der Wirklichkeit. Der Aufprall mag für viele schmerzhaft sein, und war es, wie anzunehmen ist, auch für die Autoren selbst. Doch nur diesen harten Boden lohnt es, zur Stätte unseres irdischen Wirkens, zu unserem Garten zu machen. Der eigene Garten bietet Platz für viel Schönes und Nährendes; ein Beet für Politik, für große Ideen und Ideologien, für ungefragte Einmischung in fremde Angelegenheiten findet sich in ihm nicht.
"Wir müssen unseren Garten bestellen", sagt Voltaires Candide. Dieses Buch bietet die philosophische Pflanzanleitung dazu.