Jürgen Kriz, Prof. an der Uni Osnabrück, Ausbilder für Gesprächspsychotherapie, möchte mit seinem Buch das komplexe Feld der Zusammenhänge zwischen psychischen, sozialen und somatischen Prozessen (einschließlich "Krankheit", "Gesundheit" und deren Übergänge wie "Pathogenese" und "Therapie") verständlich machen, ohne die Komplexität durch klassische Ur-sache-Wirkungs-Erklärungen vorschnell zu reduzieren. Geboten werden weniger vorgefertigte "Antworten", als vielmehr Rüst-- und Werkzeug, das sich in naturwissenschaftlichen Anwendungsberei-chen bereits gut und erfolgreich bewährt hat. Darüber hinaus geht es um Perspekti-ven, die das "Tiefensehen" erleichtern, um hilfreiche Landkartenteile von neuen, noch wenig begangenen Wegen. Kritik bleibt jedoch nicht aus, wie z.B. bezüglich der Autopoiese-Konzeption. Kriz bestreitet ihr den Alleinvertretungsanspruch, mit dem dieser Ansatz nicht sel-ten auftritt und erörtert in seinem Buch auch andere System-und Selbstorganisationstheorien. Da die mathematisch-naturwissenschaftlichen Grundlagen der Systemtheorie um "Chaos und Struktur" in seinem gleich-namigen Band niedergelegt sind, beschränkte sich Kriz nun auf wenige notwendige Kernaspekte und diskutiert nun eher die interaktiven, psychischen und psychosomati-schen Fragen. Die moderne, naturwissenschaftlich fundierte Systemtheorie, so Kriz, eigne sich besonders gut auch für die Beschreibung, Rekonstruktion und Erklärung biomedizinischer Prozesse. Systemtheoretische Aspekte spielten bei zahl-reichen biomedizinisch-somatischen Prozesse eine wesentliche Rolle. Nehme man nun noch die in den letzten Jahrzehnten sprunghaft an-gestiegenen Erkenntnisse hinzu, nach denen zwischen zahlreichen Kör-perprozessen und dem Zentralnervensystem sowohl afferente als auch ef-ferente Verbindungen und Rückkopplungsschleifen existierten, und be-denke man letztlich, daß Gedanken (inkl. Wahrnehmungen, Emotionen, Bewertungen etc.) und die Erfassung von kommunikativen Eindrücken sowie deren Umsetzung in kommunikativen Ausdruck alles Prozesse die-ses Zentralnervensystems sind, dann werde deutlich, daß eigentlich nur un-ter Ausblendung dieser Erkenntnisse Krankheiten nicht psychosomatisch verstanden werden könnten. Daß bedeute nicht, daß der klassische reduktionistische Ansatz, die Untersuchung einzelner Prozesse und Strukturen unter vereinfachten Bedingungen damit überflüssig würde. Vielmehr sei ein solcher Reduktionismus auch weiterhin unerläß-lich. Man müsse die Bausteine kennen, um den Aufbau des komplexen Ganzen erfassen zu können. Aber eine umfassende Erklärung der Phä-nomene auf diesem reduktionistischen Weg sei nicht erreichbar. Ein ähnlicher Re-duktionismus werde allerdings auch von der "anderen Seite" vertreten, nämlich von der auf kommunikative Prozesse fixierten systemischen Familientherapie der 70er und 80er Jahre, wo einseitig und übertrieben körperliche Sym-ptome gelegentlich als "nichts anderes als" Erscheinungsformen von Kommunikations-Strukturen mißverstanden wurden. Dies habe ei-ne angemessene Diskussion psychosomatischer Zusammenhänge erschwert. Bei dem ebenso frucht- wie endlosen Streit, welche Ursache denn nun die "wirkliche" sei, beharrten beide Seiten auf ihrer Perspektive. Doch auch die seriöse Psychosomatik erzeugte durch ihre Hervorhebung bestimmter Krankheiten eher Mißverständnisse. Durch die Beschränkung des Interesses innerhalb der Psy-chosomatik auf nur eine kleine Gruppe von Störungen kam es zudem zu einem folgenschweren Mißverständnis: Weithin hatte sich die Ansicht verbreitet, es gäbe einige Störungsbilder, die eindeutig psychisch bedingt seien - eben die "psycho" -somatischen Störungen -, während es sich bei anderen Krankheitsformen - den somatischen - um rein körperliche Er-krankungen handle. Unglücklicherweise wurde dadurch genau jene Ausgrenzung psychischer Aspekte erneut in die Medizin eingeführt, die man durch die Begründung der Disziplin Psychosomatik hatte überwinden wollen. Dabei ließen die neueren systemtheoretischen Befunde zur Selbstorganisation somatischer Prozesse das Ausmaß deutlich werden, in dem somatische, psychische und interaktio-nelle Prozesse verbunden sind. - Einer dieser "simplen" Vorgänge, die Kriz in Vorträgen gerne zur Demon-stration benutzt, besteht darin, daß er einen Zuhörer auffordert: "Bitte, stehen Sie doch einmal auf!", woraufhin sich diese Person üblicherweise erhebt. Offenbar ist hier "objektiv" nichts anderes geschehen, als daß spezifische Schwingungen der Luft die Sinnesorgane im Ohr der Person erreicht haben (und, zusätzlich, elektromagnetische Schwingungen die vi-suellen Rezeptoren). Man kann zur Untersuchung dieses Vorganges nun eine große Zahl von Fragen aufwerfen, welche die biologischen, physiolo-gischen, neurologischen, wahrnehmungspsychologischen, sozialpsycholo-gischen, semiotischen, linguistischen, ethologischen etc. Offenbar folgte auf einen einfachen verbalen "Reiz" eine hochkomplexe psycho-somatische "Reaktion". Allerdings werde schon an diesem Beispiel deutlich, daß es mit allzu einfa-chen Vorstellungen von "Reiz-Reaktions-Schemata" (etwa im Sinne eines zu reduktionistischen Behaviorismus) nicht weit her sein könne: Keines-wegs würde diese Person immer auf die obige Mitteilung hin aufstehen - z.B. wenn sie von jemand aufgefordert wird, von dem sie explizit an-nimmt, dieser hätte kein Recht oder keinen Grund, ihr irgendwelche An-weisungen zu geben. Aber selbst unter scheinbar gleichen Bedingungen wiederholt sich nicht das gleiche: Nachdem sich die Person setzte und diese ersten Erläuterungen gegeben wurden, wird in möglichst gleichem Tonfall etc. erneut gesagt: "Bitte, stehen Sie doch einmal auf!". Die Person - zu recht mißtrauisch geworden - bleibe nun nämlich in der Regel sitzen. Offenbar sei es nicht der verbale "Reiz" selbst, auf den die obige psycho-somatische Reaktion erfolgte, sondern die Bedeutung, die diese Person dem Reiz gibt - und diese Bedeutung hat sich inzwischen erheblich gewandelt, die gesamte "Situation" für die Person ist nun eine andere. Aber noch ein dritter wichtiger Aspekt läßt sich an diesem "Experiment" erläutern: Sofern die obige Aufforderung in ähnlicher Weise öfter gegeben wird und ein situativer Kontext vorliegt, bei dem die Person darauf hin-reichend gleich reagieren muß, wird aus der einmaligen oder eher seltenen psychosomatische Reaktion etwas "chronisches" - d.h. bestimmte Prozesse im Körper manifestieren diese Wiederholun-gen in Form einer Eigendynamik: In diesem Beispiel wird es zunächst zu einem "Muskelkater" kommen und dann, bei Fortsetzung dieser Interak-tions-Dynamik, zu einer übermäßigen Entwicklung spezifischer Muskeln. Dies hat nun wieder die spezifische Beeinflussung anderer Teildynamiken zur Folge - z.B. eignet sich diese Person einen veränderten Gang an, nutzt vielleicht die nun vorhan-denen Muskeln auch für ganz andere Tätigkeiten, für welche eben diese Muskeln sich als "praktisch" erweisen etc. Verändert sich nun plötzlich die kommunikative Bedingung, so sind diese körperlichen Manifestationen natürlich keineswegs genauso schnell re-versibel, sondern die Muskeln müssen ggf. erst langsam und in einem ver-gleichsweise langwierigen Prozeß wieder auf das "übliche Maß" zurück-bilden. Aber selbst dafür liegt dann kein Grund vor; wenn diese Muskeln nun, wie eben angenommen, in einem ganz anderen Zusammenhang eine bestimmte Funktion erhalten haben, und dieser Prozeß fortgesetzt wird. Obwohl also die ursprüngliche "Bedingung" für diese Entwicklung nun völlig revidiert ist, geht der Prozeß (aus nun anderen "Gründen") mögli-cherweise genau so weiter. So haben schon in den Anfängen der Psychotherapie Wilhelm Reich und in seiner Folge Alexander Lowen und andere Körpertherapeuten die Bedeutung von Körperhaltungen bzw. "Muskelpanzern" als Manifestation bestimmter Prozesse hervorgehoben: Ein Kind, das den Ausdruck seiner Gefühle - wie Trauer; Schmerz, Verzweiflung - unterdrücken muß, spannt dabei bestimmte Muskeln im Brustbereich an, die auch mit der Atmung zusammenhängen. Sofern dies oft geschieht, werden diese Muskeln stärker ausgebildet und chronisch angespannt - ein Beobachter könnte sagen, das Kind lernt über eine Reduzierung und Abflachung der Atemtätigkeit die erforderliche Kontrolle um allzu heftige Gefühlsausbrüche zu verhindern. Auf diese Weise wird also eine bestimmte Abwehr- bzw. Bewältigungsstrategie kör-perlich in Form bestimmter (über)- "trainierter" Muskelgruppen manife-stiert - und diese Manifestation, d.h. die Muskelverspannung, sorgt nun wiederum ihrerseits für die Kontinuität dieses Erlebens-/Verhaltens-Aspektes: Der muskuläre Panzer verhindert eine tiefere Atmung und das Zulassen von Gefühlen wie Trauer; Schmerz und Verzweiflung. Dies ist ein Beispiel dafür; wie lange zurückliegende Erfahrung über Körperpara-meter das Erleben viele Jahre später mitbestimmen kann - wobei dieser Einfluß übrigens weitgehend unbewußt bleibt. Lesenswert! Bernhard Maul, Freiburg