Systemische Therapie in Aktion: Kreative Methoden in der Arbeit mit Familien und PaarenBleckwedel, Jan, Systemische (2008)Therapie in Aktion ' Kreative Methoden in der Arbeit mit Familien und Paaren, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 314 Seiten mit Register, 25 Abb. und 26 Tabellen
Jan Bleckwedel, Psychologischer Psychotherapeut und Lehrsupervisor mit eigener Praxis in Bremen, stellt in seinem Buch ein breites Repertoire aktionsorientierter Techniken für die Begleitung von Familien und Paaren vor. Bereits im ersten Kapitel verbindet der Autor kenntnisreich Theorie und Praxis, in dem er unter dem Titel 'Pragmatisch denken ' systemisch handeln' Grundlagen der angewandten Systemtheorie und Grundhaltungen des Therapeuten vermittelt. Im zweiten Kapitel stellt er Grundlagen des Inszenierens vor, die Techniken des Psychodramas und der systemtheoretischen Arbeit mit Paaren und Familien mit vielen Beispielen verknüpft. Im dritten Teil stellt er umfangreiche Techniken (Aktionstools) vor. Das Buch schließt mit einem theoretischen Ausblick 'System und Begegnung'.
Die oftmals nur kurzen Kapitel erleichtern den Überblick ebenso wie die häufigen Hinweise auf spätere Kapitel. Verweise im Text erleichtern das Querlesen. Eingestreute Fallvignetten, wechseln mit theoretischen Erläuterungen.
Bleckwedel wendet sich gegen eine Vorstellung von Therapie als Technik. Für ihn lebt die Therapie von Begegnung, Spiel, Freude, Humor, Kreativität und Lebendigkeit. Gleichwohl geht es ihm selbstverständlich auch um ein handwerkliches Geschick und um Anregungen für den Einsatz eines geeigneten Instrumentariums. Erkenntnistheoretisch plädiert Bleckwedel für eine pragmatische Grundhaltung, die er als 'erkenntnistheoretische Bescheidenheit' bezeichnet. Er fasst zusammen: 'Ich weiß, dass alles Vermutung, vorläufige Annäherung sind, ich weiß, dass andere Perspektiven und Hypothesen möglich sind, und ich weiß, dass Interessen und Wünsche, das Wahrnehmen, Denken und Handeln beeinflussen!' (S. 97)
Bereits in der Einleitung verweist der Autor darauf, dass immer zu überlegen ist, wann der Einsatz einer Aktionsmethode angemessen ist, da er diese zu Recht als sehr mächtig, multimodal und mehrdimensional bezeichnet;;mit ihr kann auch Unheil angerichtet werden.. Bleckwedel fordert therapeutische Techniken flexibel zu kombinieren und begründet überzeugend seine Skepsis gegenüber Absolutheitsansprüchen einzelner Schulen. Das Buch ist geprägt durch die Idee, Begegnung zwischen Menschen zu ermöglichen und einen angemessenen wertschätzenden Rahmen für Veränderung zu schaffen. Es ist getra¬gen von einem respektvollen Umgang im kreativen Miteinander. Der Autor legt in seinem Werk viel Wert darauf, Aktionsmethoden angemessen und verantwortungsvoll einzusetzen. Bei aller Lebendigkeit in der Aktion werden auch das Fachliche und die ethischen Hintergründe zu den Techniken deutlich.
Auch für mich, einem Familientherapeuten mit Ausbildungen in Psychodrama und Gestalttherapie, der ge¬lernt hat, kreative und aktionsfördernde Methoden anzuwenden, ist dieses Buch sehr bereichernd. Es motiviert durch die Lebendigkeit die häufig eigene Trägheit im Berufsalltag zu überwinden und aufzustehen und einzuladen, in 'Aktion zu treten'.
In dieser Rezension möchte ich noch auf einige Aspekte eingehen:
' In den ersten Kapiteln war ich manchmal von den 'Sprüngen' überrascht. Im Laufe des Lesens gewöhnte ich mich an den Wechsel zwischen Theorie, Fallvignette, Beispielen und Exkursen. Ebenso fehlten mir zu Beginn häufigere Literaturhinweise.
' Im Kapitel 1.2 'Respekt und Entdeckungsfreude' bezeichnet Bleckwedel das Ziel der Neutralität als eine weit verbreitete Illusion. Er betont: (S. 40) 'Wir manipulieren den anderen ob wir es wollen oder nicht. Wir können niemals neutral sein. Selbst zurückhaltende Beobachtung kann eine ziemlich starke Intervention sein.' Diese Position möchte ich unterstreichen, leider bezieht der Autor im nächsten Kapitel, welches er mit der Überschrift 'Positionierung und Allparteilichkeit' betitelt, diesen Ansatz nicht auch auf Allparteilichkeit. (Diese bedeutet für den Autor eine Ausgangsposition, die Wünsche und Interessen all derjenigen berücksichtigt, die am Problem beteiligt sind und die zur Lösung beitragen können.) M. E. ist es sinnvoll von der Illusion der Neutralität ebenso auszugehen wie von der Illusion einer Allparteilichkeit, auch wenn es Ziel ist, solch einer Illusion möglichst nahe zu kommen.
' Im Kapitel 1.3 betont Bleckwedel die Notwendigkeit der realen Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen in das Familiensetting. Er führt aus, in der Vergangenheit sei zu sehr davon ausgegangen worden, dass hinter Familienkonflikten ein Paarkonflikt stehen würde. Dies sei eine verengte Perspektive. Daher schlägt Bleckwedel eine Reihe von bereichernden Möglichkeiten der besseren Einbeziehung der Kinder in die Therapie vor.
' Ich erlebe eine Bereicherung des Diskussionsstandes in der Familientherapie durch das Postulat einer Fehlerfreundlichkeit und Experimentierfreude.
' Schwerer fällt mir eine Bewertung des theoretisch weiterführenden vierten Kapitels, in dem Jan Bleckwedel die Wirkung von Aktionsmethoden im Rahmen der neueren Säuglingsforschung, der Emotionsforschung und der Neurobiologie einordnen will. Mit diesem Kapitel konnte für mich der Spannungsbogen des Buches nicht gehalten werden. Ich hatte nach dem Lesen des dritten Kapitels den Eindruck 'das wesentliche' zu den Aktionsmethoden ist gesagt, sie sind ausreichend begründet. Es ist nicht notwendig weitere Theoriekonzepte anzufügen. Es werden hauptsächlich Befunde neuerer Theorien aneinandergereiht. Dieses Kapitel bietet viele Anregungen für ein weiteres Buch, das ich mir vom Autor wünsche.
Trotz dieser letzten Kritik ist zu betonen: Dieses Buch ist sehr gut lesbar und liebevoll und abwechslungsreich erstellt. Ich empfehle es sehr allen Praktikern, die neu motiviert werden wollen Aktionsmethoden einzusetzen oder die ihren Stil bereichern wollen.