Die bahnbrechenden Erfolge in der Sexualtherapie, die die Publikationen von Masters und Johnson in den 70ern ausgelöst haben, haben dazu geführt, dass Sexualtherapie bis heute vor allem im Paradigma der Pioniere gedacht wird. Dabei wird übersehen, dass die Erfolge von Damals zu einem großen Teil daher rühren, dass die angebotenen Therapieform eine hervorragende Passung zur damaligen Gesellschaft hatte. Diese Passung ist heute, bei der Generation, die nach der sexuellen Revolution groß geworden ist, nicht mehr gegeben. Clement würdigt und "entmythologisiert" im ersten Teil seines Buches die klassischer Sexualtherapie um dann eine weitgehend neue Richtung einzuschlagen.
Litt die Sexualität in der Zeit der Blumenkinder noch an mangelnder Aufklärung und Überfrachtung durch überwertige moralische Ideen, sind diese Probleme spätestens seit Google und Wikipedia nur noch ein müdes Lächeln wert. Wo Sex heute den Reiz des Geheimnisumwitterten und Verbotenen verloren hat, kämpfen Paare und Therapeuten gegen Tristesse und Lustlosigkeit. In diesem Kampf erweist sich der klassische Ansatz häufig als Rohrkrepierer.
Clement greift die revolutionären Ideen David Schnarchs auf und entwickelt sie mit deutscher Gründlichkeit weiter. Clements Therapeutischer Ansatz versteht sich als eine "Therapie des Begehrens". Er weist darauf hin, dass hinter einem Nicht-können ein Nicht-wollen steckt und arbeitet heraus, dass hinter den Nicht-wollen ein So-Nicht-Wollen, ein Anders-wollen steckt. An dieser Stelle beginnt dann die Konfrontation mit dem eigenen Wollen und dem des Partners. Diese Begegnung ist nicht einfach und fordert auch vom Therapeuten eine größere Standsicherheit als bei mehr verhaltenstherapeutischen Therapiekonzepten. Das das Paar gefordert ist, sich jenseits von Rollendefinitionen auf der Ebene des Ja-so-bin-ich zu begegnen, wird das Paar nicht nur auf der sexuellen Ebene voran gebracht.
Die für systemische Denker typische hochgradige Ergebnisoffenheit mag manchen Leser zunächst verunsichern. Etwa, wenn Clement hinterfragt, warum der "Nein"-Position zu sexuellen Anwürfen stillschweigend der Vorzug gegen über der "Ja"-Position gegeben wird. Oder wenn er dafür Plädiert zu zulassen, dass Sex nicht nur mit Lust, Freude und Vertrauen verbunden ist, sondern auch mit Verunsicherung, Angst und Boshaftigkeit. Hier sorgt Clement dafür, dass das ganze Bild in das Blickfeld gerückt wird und nicht nur die Aspekte, die im sexuellen Gutmenschentum als politisch korrekt erscheinen.
Clement ist in dem, was er dem Leser zumutet sehr mutig. Das macht das Buch sehr lesenswert. Daher meine klare Empfehlung, wer mit Sexualtherapie und Paarberatung zu tun hat, muss das eigentlich gelesen haben. Es ist aber kein Ratgeber, der unmittelbar für Paare mit sexuellen Schwierigkeiten geeignet ist.