Wann werden wir von einem Fachbuch inspiriert? Wenn es nicht nur informativ und gelehrt daher kommt, sondern von gelebter Erfahrung berichtet. Und wenn es uns teilhaben lässt am Werde-Weg der Autorin (in diesem Fall: Astrid Habiba Kreszmeier) in der Entwicklung ihres Themas. Schon die Einführung macht es deutlich:
*Der hier beschriebene therapeutische Ansatz ist kein schneller Wurf, noch immer keine Gewissheit und schon gar kein sicheres Rezept. Wie viele Fenster sich öffnen, wie viele Überlegungen sich zeigen, wie viele Geschichten sich auch entfalten werden, all dies ist erzählt im Bewusstsein, dass noch viel mehr, ja auch ganz anderes vom selben hätte beschrieben werden können. Die nun entstandene Komposition handelt von psychotherapeutischer Prozessgestaltung in der Natur, mit der oder durch die Natur
In ihr fliessen Erkenntnisse und Erfahrungen aus drei grossen Quellen zusammen: aus systemischen Schulen, erlebnistherapeutischen Verfahren und spirituellen
Naturkosmologien *.
Der inhaltliche Aufbau des Buches verspricht dem Leser, der Leserin eine Exkursion in die eigene Vielschichtigkeit. Sie beginnt mit der Unterscheidung zwischen Körper, Psyche und Seele (ein lebendiges Trio) und beschreibt dann die (therapeutische) Arbeit in Naturräumen, sowie die Transpersonalen Qualitäten dieser Arbeit. Ein Kernkapitel widmet die Verfasserin der Zugehörigkeit zum Leben, der eigentlichen Leitidee der Naturtherapie. In dieser Zugehörigkeit sucht das Leben des Einzelnen seinen Ausdruck, dort findet es die Quellen und die Samen, die sich als Lebenskräfte auf alle anderen Ebenen verteilen.
*Gesundheit versteht sich hier nicht als statischer Zustand, sondern als Prozess, bei dem die drei Lebens-Repräsentanzen Körper, Psyche und Seele, zueinander ausgerichtet, dem Leben die Ehre erweisen. Die Verbundenheit der drei Dimensionen sorgt für eine ausstrahlende Gegenwart, für Leibhaftigkeit sowie für die Integrität der eigenen Grenzen.*
Im Verhältnis zwischen Therapeut und Klient erfordert der Naturbezug ein Rollenverständnis, das sich von anderen Therapieformen deutlich abhebt. Die Expertenschaft des Klienten steht im Mittelpunkt; sie wird ernst genommen, unterstützt, ja gefordert durch Handreichungen, die von der begleitenden Fachperson gleichsam unmerklich zur Verfügung gestellt werden. Damit gelingen (oft) Grenzüberschreitungen, die von den Teilnehmenden durchaus als wundersam erfahren werden, als Geschenk aus einem grösseren Zusammenhang des lebendigen Geschehens. Man spürt im ganzen Buch von Astrid Habiba Kreszmeier, wie sehr sich die Autorin selbst mit diesem grösseren Zusammenhang verbunden weiss.
70 Seiten im Buch gelten dem Wandlungsraum Natur, mit subtilen Beschreibungen Autopoietischer Gestaltungsräume, Topografischer Inspirationen (durch Berge, Wälder, Meer und Küste, Quellen und Flüssen, die Wüste) und schliesslich einer naturtherapeutischen Elementenlehre. *Neben der Auseinandersetzung mit den Wirkkräften von Naturräumen gehört der bewusste Umgang mit den Elementen (Feuer, Wasser, Erde, Luft) zu den Grundlagen unserer Arbeit. Die vier Elemente sind Urstoffe des materialisierten Lebens, die sich dem Menschen nicht nur sinnlich (also draussen) offenbaren, sondern ihn auch in seiner ganzen individuellen Struktur durchdringen*.
Wieder finden wir auf diesen Buchseiten (Streifzug durch elementare Bedeutungswelten) inhaltliche und sprachliche Kostbarkeiten, die den inspirierenden Duktus dieses Fachbuches prägen sicherlich auch für Laien!
Die letzten 56 Seiten beschreiben das Methodische Repertoire, mit dem die Systemische Naturtherapie arbeitet. Einen Schwerpunkt darin bildet das Systeme-Stellen: Aufstellen in der Natur, Ahnenreihen mit einem Naturelement, etc. Dem Mythenspiel gilt ein besonderes Kapitel, ebenso den Kreativ-Techniken, die von der Verfasserin an anderer Stelle ausführlicher dokumentiert wurden.
* Zitate