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Das Buch beginnt mit einer Provokation. Weil man in der alltäglichen Praxis dazu verführt werden kann, "die Erklärung der Welt mit der Welt zu verwechseln und den Mythos für die Tatsache zu nehmen" (S. 6), beschreibt er kursierende psychiatrische Mythen, die als "Welterklärungen" weder richtig noch falsch sein können. Die Mythen über eine genetische Verursachung und schlechte Prognose der Schizophrenie, über die Notwendigkeit einer biologischen Behandlung und die Nutzlosigkeit von Psychotherapie werden in ihren sozialen Kontext gestellt.
Systemische Familientherapie wird als Übergangsritual mit drei Phasen konzeptualisiert: Die Ablösung aus den alten und problematischen Strukturen erfolgt durch Erzeugung von Unterschieden durch den Therapeuten, womit er Problem erhaltende zirkuläre Prozesse im Klientensystem stört; in der Schwellenphase werden die Unterschiede balanciert; die Wiedereingliederung in eine neue soziale Struktur erfolgt durch Veränderungen auf der Handlungsebene. Retzer beschreibt sodann ein Modell schizophrener, manisch-depressiver und schizoaffektiver Psychosen aus den Perspektiven der Zeitorganisation, der Beziehungsgestaltung und der Konfliktorganisation mit jeweils spezifischen Mustern. Daraus leitet er die Vorgehensweise bei der systemischen Therapie der Psychosen ab. Eine Entpathologisierung symptomatischer Verhaltensweisen ist mit den vorgestellten systemischen Methoden möglich, die unter anderem auf eine Wiedereinführung des "exkommunizierten", weil sich unverständlich zeigenden Indexpatienten in die Kommunikation abzielen. Die angeführte Evaluationsstudie bestätigt in eindrucksvoller Weise die Wirksamkeit des vorgestellten Theorie- und Therapieansatzes mit einer Reduktion der Rückfallrate um 74%.
Arnold Retzer hat in diesem Buch seine in früheren Veröffentlichungen zum Teil schon vorgestellten systemischen Theorien zu einem in sich geschlossenen Psychosemodell weiterentwickelt und präzisiert, das aus der Theorie schlüssige Handlungsanweisungen ableitet und nicht nur Familientherapeuten, sondern allen professionellen Helfern ein gutes Rüstzeug zum Umgang mit psychotischen Patienten und deren Familien liefert. Das Werk bereichtert Systemiker mit der speziellen Theorie und Vorgehensweise bei Psychosen. Leser, die bisher noch keinen Kontakt mit systemischen Ideen hatten, werden eingeführt in eine neue und faszinierende, vor Burn-out-Syndromen schützende Denkweise im Umgang mit der Patientengruppe, die in der Psychiatrie nach wie vor als die am schwierigsten behandelbare gilt. Ich möchte dieses anregende und gut lesbare Buch jedem, der mit psychotischen Klienten arbeitet, sehr empfehlen.
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