"Systemisch" ist in vieler Munde und doch werden oftmals nur Teilbereiche systemischer Theorie und Praxis in den Blick genommen, wie z.B. "Aufstellungen", "zirkuläre Fragen", "Lösungsorientierung" oder "Die Wunderfrage". Dabei wird man dem Systemischen nicht gänzlich gerecht, denn sie ist mehr als die einzelnen Teilbereiche, sie ist Theorie, Haltung und Praxis. Der ausgewiesene Fachmann Holger Lindemann stellt mit seinem neuen Buch das Systemische in all seiner Bandbreite gleich dem Facettenauge eines Insektes dar. Ihm gelingt es gut verständlich darzulegen, wie bedeutsam es ist, mit mehreren "Augen" und "Blickwinkeln" Themen, Menschen und Probleme anzugehen. So ist es auch bedeutsam, dass er sich nicht einer "systemischen Schule" verschreibt, sondern die Tragflächen diverser systemischen Richtungen so ausweitet, dass sie für die praktische Arbeit tatsächlich Halt geben und Auftrieb schenken können.
Sein Lehr-, Arbeits- und Lernbuch eignet sich sowohl für die Aus- und Fortbildung als auch für die direkte praktische Arbeit und Anwendung.
Es hilft, mit möglichst vielen Optionen an Fragestellungen heranzugehen und unterschiedliche Lösugnsoptionen ins Auge zu fassen. Selbstverständlich kann das Buch auch dazu dienen, erworbenes Wissen wieder aufzufrischen oder zu vertiefen.
Holger Lindemann hat eine Dreigliederung seines Werkes vorgenommen und BEOBACHTUNG aus der Perspektive
"Theoretische Grundlagen" (Welche Faktoren spielen beim Beobachten welche Rolle?),
"Einigungsprozess" (Wie komme ich zur Entscheidungsfindung und Veränderungsplanung?) und
"Beobachtung unterschiedlicher Kategorien" (Wie beobachte ich wie ich beobachte?)
erörtert.
Holger Lindemanns Ausführungen sind sehr facettenreich und abwechslungsreich gestaltet. Mal sind es die ganz praktischen Beispiele und (Sprach-)Bilder oder der gut verständliche Text, dann sind die Zusammenfassungen und Übungseinheiten wieder vortrefflich und ein anderes Mal ermöglichen die eindrucksvollen Graphiken und Abbildungen in überzeugender Weise Hilfestellung zu geben, damit die Lesenden und Übenden systemische Theorie und Forschung praxisrelevant erproben können.
Im letzten Abschnitt des Buches macht der Autor eine hilfreiche Schlussbemerkung, wo deutlich wird, dass selbst ein so umfassendes Werk "blinde Flecken" hat oder Eintrübungen im Sichtfeld unvermeidlich sind. So hätten beispielsweise die Kopiervorlagen ruhig etwas größer ausfallen können. Das Buch selbst wird auch nach ein paar Kopiervorgängen leider nicht mehr ganz frisch aussehen. Hier wäre mehr Komfort hilfreich gewesen; beispielsweise in Form von mehr Seiten, die größer bedruckt sind oder gar Kopiervorlagen, die auf einer beigefügten CD-ROM Platz gefunden hätten. Dort hätte man auch gut das Literaturverzeichnis platzieren können. Bei diesem fehlen leider so wichtige (Grundlagen-)Werke wie diejenigen von Schlippe/Schweitzer oder von Rainer Schwing.
Trotz dieser sicher ausbesserungsfähigen kritischeren Punkte kann man das Buch wärmstens allen empfehlen, die in Supervision, Beratung, Therapie oder auch in gruppendynamisch geprägten Feldern der Sozialen Arbeit ihr Beobachtungsvermögen vergrößern und das Spektrum an Handlungs- und Interventionsoptionen erweitern möchten.