Je länger die großen Klassiker einer Band zurückliegen, desto mehr gehen die Meinungen zur Neuware auseinander. Dieses musikalische Naturgesetz trifft auch auf Dream Theater zu. Ein Glück, dass sie das völlig kalt lässt! Dem neunten Studioalbum, "Systematic Chaos", hört man an, dass sie gelassen und selbstbewusst an die Sache herangegangen sind. Ein Indiz dafür sind allein schon die Lyrics. Früher hätte es auch keine Songs über einen nächtlichen Vampir-Besuch (FORSAKEN) oder ein altes Monster, das die Stadt heimsucht (DARK ETERNAL NIGHT) gegeben. Andere Bands nutzen ihre große Erfahrung, um alte Erfolgspfade immer und immer wieder platt- und schließlich kaputt zu trampeln. Die einzige Konstante bei Dream Theater ist dagegen inzwischen die nach wie vor annähend konkurrenzlose Gerätebedienung und das kein bisschen abgestumpfte Feingefühl fürs Komponieren, egal ob der Song 5 oder 25 Minuten dauert. Aber: diese Kompositionen sind mit nichts von früher zu vergleichen. Das wird einige Fans der "Images And Words"-Only-Fraktion abschrecken. Schade - sie versäumen so einiges! Zum Beispiel ein paar Songs mit einer überraschenden Schippe schwermetallischer Härte, die von vielen voreilig kritisiert wird. Bei CONSTANT MOTION und DARK ETERNAL NIGHT wird der Bulldozer von "Train of Thought" ausgepackt, wobei aber soundtechnisch mehr Facetten präsentiert werden und auch die Keyboards trotz des enormen Härtegrades viel (düstere) Atmosphäre beisteuern. Die beiden Songs lassen eine viertel Stunde lang "thrashige" Gedanken an Bands wie Pantera oder Metallica aufkommen; sogar düster geshoutete, bösartig verzerrte Vocals sind bei DARK ETERNAL NIGHT zu hören, richtig fiese Ultradüsterriffs, dazu ganz am Anfang der vielleicht druckvollste Bass Drum Sound der Metalgeschichte. Ja wie, Dream Theater machen Thrash und holzen einfach drauf los? Weit gefehlt! In diesen Drives stecken Präzision, High Tech und allerhand rhythmischer Extravaganzen. Dazwischen erstrahlen Refrains mit gewohnt großartigen Melodien und (natürlich) mehrminütige Instrumental-Shows vom Allerfeinsten. Und die waren selten so heavy. Unter den kompakteren Stücken gibt es so etwas wie zwei melodische "Gegenstücke" - das hymnische PROPHETS OF WAR mit Background-Shouts von 50 eingeladenen Dream-Theater-Fans, und FORSAKEN: sehr straight, eingängig, ohne große Frickel-Touren, dafür mit einem einfach guten Riff und hypnotisch schönen, melancholischen Melodien ausgestattet. Melodisch geprägt ist auch der Viertelstünder THE MINISTRY OF LOST SOULS. Er erzählt von der Todessehnsucht einer beinahe ertrunkenen Frau, deren Retter selbst ums Leben kam. Mehr als sieben Minuten bestimmen getragene, schwermütig bombastische Atmosphären das Klangbild, bevor dann zwischendurch im Instrumenten-Teil die Post abgeht. Überraschend lang bleibt der Longtrack jedoch ziemlich balladesk. Aber das Feeling stimmt; und darauf kommt es an. Einziger Schwachpunkt des Albums bleibt das ruhige REPENTANCE, das mehr als 10 Minuten und damit viel zu lang relativ eintönig Melancholie verbreitet. Zum Schluss dürfen auch noch Freunde der Band wie Neal Morse, Joe Satriani oder Steven Wilson ins Mikro sprechen, was sie in ihrem Leben so bedauern. Der Song ist Teil vier des auf "Six Degrees..." begonnenen Zyklus, also die Fortsetzung von "The Glass Prison", "This Dying Soul" und "The Root Of All Evil" inklusive ein paar musikalischer Zitate. Der Song ist zwar überraschend abwechslungsarm; noch eine Total-Ballade wie "Vacant" und "The Answer Lies Within" wäre aber sicherlich die schlechtere Lösung gewesen. Bleibt noch das Riesen-Epos IN THE PRESENCE OF ENEMIES, ganz klar einer von Dream Theaters unsterblichen Geniestreichen. Zusammengerechnete 25 Minuten lang geht es um einen inneren Kampf zwischen Gut und Böse, musikalisch hochemotional umgesetzt mit allem, was geht, von psychedelisch und ruhig bis heavy und verfrickelt oder orchestral und bombastisch. Gänsehaut pur ist angesagt, wenn nach Ende des atemberaubenden Instrumental-Teils in Part II die gleiche Hookline vom Ende des Frickelduell-Intros von Part I in monumentaler Gestalt wieder auftaucht - das ist ganz großes Kino! Unterm Strich sind die 78 Minuten "Systematic Chaos" eine gelungene Weiterentwicklung der Band. Die Unverblümtheit der Einflüsse ist sympathisch. Neben Metallica (und natürlich was die Solo-Duelle angeht nach wie vor Kansas) ist mehr als je zuvor auch Pinky Floyd zu nennen. Nicht nur wegen der an "Shine On..." erinnernen Zweiteilung von IN THE PRESENCE OF ENEMIES. Auch halten immer mehr gestreckte Spannungsbogen Einzug, die sich bei Dream Theater selten so langsam und bedächtig ausgebreitet haben. Aber keine Sorge: Bei Pink Floyd meckert man ja auch nicht über zu wenig Speed und erfreut sich stattdessen an feinfühlig aufgebauten Atmosphären - und das ohne minutenlange megadynamische Instrumental-Passagen voller Rhythmus- und Tempowechsel. Als Kenner der fünf Musiker sollte man sich unbedingt um die Special Edition bemühen. Das 90-Minuten-Doku "Chaos in Progress" schaut ihnen im Tonstudio auf ihre begnadeten Finger, lässt sie über die Entstehung von Album und Songs berichten und nicht zuletzt ihren Hang zur Blödelei ausleben. Das gilt natürlich besonders für Mike Portnoy, der außer Backing Vocals auch schon Mal die Fast-Food-Bestellung durchs Mikro schickt oder sich liebevoll um seine Kollegen kümmert ("Jordan said he had a 'dirty organ' for us to see").