Die nationalsozialistischen Konzentrationslager sind ein blutiges Zeichen der Willkür und des Terrors der Nazi-Herrschaft. Juden, politische Gegner, Asoziale, Zigeuner und andere Minderheiten die nicht in das Bild des Regimes passten, wurden verhaftet, gefoltert und zu tausenden getötet. Die Zahl der Fachliteratur über diese Schreckenszeit ist sehr groß, doch zu wenig wissen wir über die eigentlichen Mechanismen und Funktionsstrukturen des NS-Regimes, speziell die der nationalsozialistischen Konzentrationslager.
Karin Orth nimmt sich genau dieser Thematik an und versucht in ihrem Werk die verschiedenen Entwicklungsphasen, Funktionsweisen und Widersprüche des KZ-Systems aufzuzeigen. Das KZ-System wird von Orth neu definiert. Die Grundlagen ihrer Forschungsarbeit sind die Akten der KZ-Kommandanturen, die Berichte von überlebenden Häftlingen und Akten von Straf- und Ermittlungsverfahren gegen Täter des NS-Regimes.
Für Orth ist die organisatorische Einteilung der nationalsozialistischen Konzentrationslager unter die „Inspektion der Konzentrationslager" (IKL) von großer Bedeutung. Sie schildert klar und übersichtlich die unterschiedlichen Zeitabschnitte der Entwicklung des KZ-Systems.
Entgegen dem bisherigen Forschungsstand, die von drei Phasen der Entwicklung des KZ-Systems ausging (1933-1936, 1936/37-1942, 1942-Kriegsende), unterscheidet Karin Orth sechs Phasen.
In der ersten Phase (1933/34) der „früheren Lager" wurden vornehmlich politische Gegner des NS-Regimes verfolgt und arretiert. Ziel war in erster Linie die Zerschlagung der organisierten Arbeiterbewegung. Diese Phase war eine erste „Säuberungsaktion" und diente in erster Linie der Verankerung der Macht der Nationalsozialisten.
In der zweiten Phase (1934/35) richtet Orth die Aufmerksamkeit auf die Zentralisierung des KZ-Systems und den Machanspruch Heinrich Himmlers über die Polizei und die Lager. Gleichzeitig wurde die „Schutzhaftrichtlinie", welche die Schutzhaft im gesamten Reich einheitlich regelte, erlassen.
Die dritten Phase (1936-September-1939) behandelt die Entstehung eines Systems der Konzentrationslager. Die Eröffnung des Lagers Sachsenhausen markierte diese Entstehung und erwies sich in der Folgezeit als Muster- und Leitlager. Folglich werden die Lager Dachau, Mauthausen, Flossenburg, Buchenwald, und Ravensbrück errichtet.
Phase vier (September 1939 bis 1941/42) ist von der ersten Kriegshälfte geprägt. Gleichzeitig mit der Expansion des KZ-Systems kommt es zu einem Wandel in der Häftlingsstruktur. Himmler sichert sich auch hier die Verfügungsgewalt über die Konzentrationslager und deren Wachpersonal.
Die Phase fünf (1942 bis 1944) ist durch Völkermord und Zwangsarbeit charakterisiert. Die „Aktion 14f13" und das Euthanasieprogramm „T4" prägen den Anfang dieses Abschnitts. Die IKL übernimmt hierbei partiell die Tätigkeit der Ärzte. Opfer sind die europäischen Juden, die zu tausenden in den Konzentrationslagern vergast, „abgeimpft", erschossen und „tot gebadet" werden. Viele dieser Exekutionen werden als medizinische Untersuchungen getarnt, um den Häftling in „aller Ruhe" zu töten. Andere Häftlinge müssen Zwangsarbeit in der Kriegs- und Rüstungswirtschaft leisten. Das vorrangige Ziel des NS-Regimes, die KZ-Häftlinge zu töten wird kurzzeitig unterbrochen, um ihre Arbeitskraft an fremde Nutznießer (IG-Metall, Heinkel Werke usw.) zu verkaufen. Dies sind jedoch für die Häftlinge keine lebensrettenden „Unterbrechungen", sondern nur tausende aufgeschobene Todesurteile. Die Bestrebungen Himmlers die Rüstungsanlagen direkt in die Konzentrationslager zu verlegen, schlugen wegen des Widerstandes Albert Speers fehl. Speer fürchtete den Einflussbereich über die Produktionsstätten zu verlieren.
Orth beschreibt sehr klar die SS, speziell Heinrich Himmler, der vom Programm der Vernichtung der europäischen Juden gerne abkam um mit Hilfe genau dieser Menschen seine machtpolitischen und wirtschaftlichen Ziele auszubauen und zu festigen. Diese Motivationslagen soll man aber nicht als Widerspruch sehen, sondern sie in Verschränkung betrachten.
Die sechste und letzte Phase ist der Zeitpunkt der „Evakuierung" der Konzentrationslager, die im Frühjahr 1944 begann und sich bis Anfang Mai 1945 erstreckte. Es kommt zur Auflösung der KZ Auschwitz, Groß-Rosen und Strutthof und schließlich zur Räumung der KZ im Inneren des Reiches. Blutiges Zeichen dieser Räumung sind grausame Todesmärsche auf denen tausende Menschen sterben und die Exekutionen „missliebiger Gefangener".
Karin Orth hat mit ihrem kompakten und detaillierten Buch geschafft, die Geschichte des nationalsozialistischen KZ-Systems Schritt für Schritt nachzuvollziehen. Ihr Buch stellt eine wichtige Lektüre für jeden Studenten und Interessierten dar und sollte in keiner Bibliothek fehlen.