Also, wenn Sie Jeffrey O'Grady lesen wollen Sie es jetzt wirklich wissen!
Falls Ihnen Tom Gilb's "Competitive Engineering" zu hart war, sollten Sie vielleicht gleich die Finger von dem Buch lassen. Der Autor macht dem Elsevier Verlag alle Ehre, taucht in auf sehr detaillierte Weise in die Low-Level-Ebene ab und versucht eine wirklich UMFASSENDE Sichtweise des System Engineerings aufzubauen. Hierbei entwickelte er Sichtweisen von Autoren der frühen 90-iger weiter und hat ein für die breite Masse zugängliches Werk geschaffen, das mit dem Detailgrad derzeit einmalig ist in der englischsprachigen Literatur.
O'Grady fackelt nicht lange und bricht zu den Systementwicklungskomponenten herunter u.a. unter Berücksichtigung der gängiger Militär- und INCOSE-Standards, sowie dem DoD Architektur-Frameworks und illustriert seine Erkenntnisse aus Beispielen, die überwiegend aus seiner Zusammenarbeit mit der NASA, dem US-Militär oder der amerikanischen Rüstungsindustrie stammen. Seine Ziel ist die strukturierte Analyse im Systems Engineering.
Das Problem bei O'Grady ist, dass er sich nicht lange mit den übergeordneten Metamodellen aufhält. Der Autor stellt die konzeptionelle Modellierung überwiegend mit SADT / Blockdiagrammen, Entscheidungsmodelle, Vektorillustrationen, Tabellen, wenig UML oder einigen Skizzen auf Low-Level-Ebene dar und bevorzugt offensichtlich auf High-Level-Ebene knackigen einleitenden Text. So ist sein Wissen leider schwer auf andere Bereiche und Projekte übertragbar, weil die Konzeptmodelle überarbeitet werden müssen. Deshalb muss ich leider sagen, dass dies Buch mehr in akademischen Kreisen Anklang finden wird (Mr. O'Grady ist u.a. auch Privatdozent an der University of Califonia). Der Autor versucht sich hier in einer KOMPLETTEN Prozessdefinition zum SE und RE. Dabei stellt aber seine Sichtweise, die er aus seinem Background gewonnen hat, zu sehr in den Vordergrund und bildet daraus die Metamodelle ab.
Trotzdem bietet das Buch eine Vielzahl von Highlights. Mir gefiel besonders gut:
+ Die Aufschlüsselung des Problemraums in Architekturfacette, Funktionsfacette und Verhaltensfacette
+ Die Einbeziehung zukunftsträchtiger Technologien wie Modellgetriebene Entwicklung
+ Die Aufschlüsselung unterschiedlicher Analysetechniken.
+ Eine strukturierte Analyse zum Anforderungsrisikomanagement
+ Den Prozessüberblick zum Projektmanagement
+ Die strukturierte Analyse zur Computersoftware
u.s.w.
Das Buch ein Süßwarenladen für sehr erfahrende Systemingenieure, insbesondere wenn Sie Referenzliteratur zur Prozessdefinition im RE & SE suchen und wenn sie in einem sehr großen und komplexen Projektumfeld arbeiten. Es wird sich leider kaum vollständig aufgrund des kernigen hohen Informationsgehalt auf einen Schlag verdauen lassen. - Eine Tafel Schokolade schmeckt ganz gut, zehn verursachen Übelkeit! - Es illustriert aber auch, warum es nur so wenig Leute in Europa gibt, die SE & RE auf diesem hohen Niveau betreiben können und warum sie nur in ihren jahrelang gewohnten branchen-, unternehmens-. projekt- und kundenspezifischen Umfeld effizient sein können.
Fazit: Experten-Buch! Nur als solcher kaufen! Andernfalls wird das Buch zum Staubfänger!