Gerhard Schweizer (1940 in Stuttgart geboren) ist Kulturwissenschaftler, Islamexperte und freier Schriftsteller. Er studierte in Tübingen empirische Kulturwissenschaft, Germanistik, Politikwissenschaft und Geschichte. Seit 1976 lebt er als freier Schriftsteller in Wien.
Zusätzlich zu seinem reichen Wissen über die Kultur in China und Indien, hat er mit diesem Buch eine unwahrscheinlich genau recherchierte Arbeit geleistet. Schweizer bereiste in den 90er Jahren Syrien und aus Gesprächen mit der dortigen Bevölkerung bzw. aus seinem reichen politisch-islamischen Wissensschatz rollt er in diesem Buch die Geschichte von Syrien von den Anfängen bis 1998 aus. Aufgrund der heutigen Turbulenzen, ist dieses Buch wichtig, wenn man verstehen will, wie es zu solch einer diktatorischen Machtausübung durch Assad kommen konnte. Wichtig auch, weil hier Informationen enthalten sind, die weit über Pressemitteilungen hinausreichen. Der lockere Stil und die Verbindung zur Gegenwart Syrien, vereinfachen die Lektüre. Schweizer versteht es mit Anekdoten und seinen Reiseberichten, den Leser zu unterhalten und schildert das Land doch detailreich. Einen großen Teil nimmt die Geschichte des Islams ein, wie, wann und wo sich der Islam in Syrien ausgebreitet hat, wie und warum sich die Religion des Islams gespalten hat und welche Kriege aufgrund dessen im arabischen Raum geschehen sind. Bis ins letzte Detail wird die sunnitische und schiitische Religion erklärt. Aber nicht nur der Islam wird akribisch genau behandelt, sondern auch andere Religionen und Denkrichtungen, die nicht nur die Kultur sondern auch die Politik in Syrien mitbestimmt haben, wie das Christentum und der Sufismus. Es werden immer wieder Parallelen und Ineinanderschachtelungen mit anderen Ländern beschrieben, wie mit dem Libanon, Ägypten, Jordanien, Israel, Iran, all den arabisch-israelischen Ländern, aus welchen Syrien zunächst ein Großreich bilden wollte. Neben all den politisch-kulturellen Informationen, beschreibt Schweizer auch die Landschaft und die Städte in Syrien, die heutige Bevölkerung, gegenwärtige Konventionen und Bräuche. Dieses Buch kann sowohl als Reisebericht als auch als politisches Buch gelesen werden und es erinnert mich stark an das absolut lesenswerte Buch über den Iran von Jason Elliot
Persien: Gottes vergessener Garten Meine Reisen durch den Iran. Wichtig an den Schilderungen in diesem Buch ist ebenso, dass Schweizer immer politisch neutral bleibt, er nimmt nie Partei für eine bestimmte Richtung und deshalb gelingt es ihm alle erdenklichen Glaubensrichtungen und kulturellen Facetten akribisch genau zu beschreiben. Danke Herr Schweizer für dieses wichtige Buch.
Bereits am Beginn des Buches stehen zum Beispiel ganz wichtige Informationen über die Baath-Partei. Hier möchte ich diese Textstelle noch erwähnen:
Hizb al-Baath al-Arabi al-Ishtiraki, "Sozialistische Partei der arabischen Wiedergeburt" [...] Wie fremd muss jedem orthodoxen Muslim der Inszenierungsstil, der Parteiname erscheinen?
Die Frage wird vollends brisant, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass die Baath-Partei zwar von einem Syrer, nicht aber von einem Muslim begründet wurde. Der 1910 in Damaskus geborene Michel Aflak war Christ, er entstammte einer Minderheit, die um die 12 Prozent der syrischen Bevölkerung ausmacht und eine beachtliche Wirtschaftsmacht bildet.
1943 war die Partei entstanden, 1963 hatten sich die Baath-Sozialisten in Syrien an die Macht geputscht und sich im Verlauf parteiinterner Flügelkämpfe noch radikalisiert. 1970 schließlich war Hafis al-Assad durch einen Putsch gegen die eigene Parteiführung Staatspräsident geworden. Damit hatte sich die politische Situation in Syrien noch einmal zugespitzt, denn Assad gehört zur schiitisch-arabischen Sekte der Alawiten (sie ist religiös eng verwandt mit den schiitisch-türkischen Alawiten). Diese Glaubensgemeinschaft wird von orthodoxen Sunniten wie Schiiten als "ketzerisch" angesehen, ja von nicht wenigen Muslimen als "halbislamisch" oder gar als "ungläubig" abgelehnt. Ungefähr 11 Prozent der Syrer sind Alawiten, rund vier Prozent Schiiten orthodoxer Richtungen, rund drei Prozent Drusen, aber rund 70 Prozent Sunniten. Welch eine politische Konstellation: ein Christ begründet die Partei, eine kleine schiitische Minderheit regiert seit zweieinhalb Jahrzehnten!
Wie hat es zu einem derartigen Umbruch kommen können in einem Land, in dem ein Großteil der Muslime noch traditionalistisch lebt und denkt?
Die Frage gewinnt eine weitere Dimension, wenn wir uns klarmachen, dass die Baath-Partei auch im benachbarten Irak Fuß fassen konnte. Dort putschten sich die Baathisten 1968 an die Macht und können seither ihre Position ebenfalls gegen alle Widerstände orthodoxer Muslime halten. Mehr noch: die Ideologie des syrischen Christen Aflak hat als Vorbild auch für andere moderne Nationalbewegungen der arabischen Welt gedient.
In Syrien sind die Spannungen explosiver geworden, seit die Baath-Partei unter dem Alawiten-Führer Assad regiert. Gerade auch in Aleppo. In dieser Stadt, einer Hochburg sunnitischer Orthodoxie, hatten sich während der siebziger Jahre eine Reihe von Demonstrationen gegen die Herrschaft der "ungläubigen" Alawiten und Baath-Sozialisten formiert, bis hin zum offenen Aufruhr.