"Synecdoche, New York" ist anspruchsvoll, sperrig, originell, nicht ohne Mängel. Es ist ein Film, der - zurecht - das Publikum in zwei Lager spaltet, von denen das eine den Film anbeten und das andere ihn verdammen wird.
Für beide Seiten gibt es einige Gründe. So könnte man Charlie Kaufmans Regiestil als (im Gegensatz zu dem von Spike Jonze) zurückhaltend, reduziert, gar als ideenlos und konventionell bezeichnen; man könnte zu Recht eine nicht immer ausgeklügelte Dramaturgie beanstanden, man könnte den Plot und dessen verschachtelte Struktur als zu abgehoben und sperrig beurteilen.
Ich persönlich halte den Film für einen der wichtigsten Filme der letzten 20,30 Jahre. Kaufman huldigt hier literarischen Größen wie Harold Pinter und Samuel Beckett, indem seine ohnehin bizarre Mischung aus Drama und Komödie zuweilen regelrecht absurde Momente aufweist. Beispiel: Eine Frau möchte ein brennendes Haus kaufen. Bei der Besichtigung teilt sie der Maklerin mit, wie sehr sich ein Haus wünsche, wie sehr ihr dieses gefalle...und dennoch habe sie Angst, im Feuer zu sterben. Die Maklerin entgegnet darauf: "Es ist ein wichtige Entscheidung, wie man sterben möchte."
Solche Filmmomente gehören zu den faszinierensten der Filmgeschichte. Und "Synecdoche, New York" bietet jede Menge davon. Die Geschichte eines neurotischen Theaterrregisseurs namens Caden Cotard (brillant gespielt von Philip Seymour Hofman), der das Leben nicht als beschönigtes, stlistisch verzerrtes Etwas, sondern als das, was es ist, auf die Bühne bringen möchte, strotzt nur so vor komischen, anrührenden Szenen, die sich aber - darauf kann sich der Zuschauer getrost verlassen - stets dem nihilistisch-melancholischen Grundton des Filmes ergeben. Überhaupt handelt es sich hier um Kaufmans mit Abstand depressivsten Film. Denn das Leben ist eben nicht künstlerisch überhöht oder faszinierend, wie es Theater darzustellen pflegt, es ist grau, leer, voller Verzweiflung und Dekadenz. So zumindest betrachtet es besagter Theaterregisseur, und man kann ihm die Gründe dafür nicht übelnehmen. Seine Frau verlässt ihn und nimmt die gemeinsame Tochter direkt mit, eine diffuse, nicht näher beschriebene neurologische Krankheit befällt ihn, seine Bemühungen mit den Frauen scheitern an seinem exzentrischen Wesen. Von all diesen Schicksalsschlägen gebeutelt, fasst er den Entschluss, sein Opum Magnus zu inszenieren. Sein Leben und alle Personen, die darin vorkommen, will er in dem lebensnahesten aller Theaterstücke auf der Bühne inszenieren.
Soviel zu der Handlung, dessen Ausgang hoffentlich ähnlich viele Zuschauer verblüffen wird, wie er mich verblüfft hat. Die Wirkung auf die Kritiker blieb zumindest nicht aus: Laut einer Rezension in einem Blog, die ich kürzlich las, ging einer der amerikanischen Kritiker nach der Vorführung in eine Bar, um sich zu betrinken. Kaufman zeichnet im Zuge des Films eine Parallelwelt aus Krankheit, Vergänglichkeit und Tod. Dieser Punkt ist zumindest einer von vielen, der beim unvorbereiteten Zuschauer Ablehnung hervorrufen könnte. Ein anderer Grund ist, dass sich Kaufman mit Leib und Seele dem Charakterkino verschrieben hat. Seine Inszenierung stemmt sich derart vehement gegen Hollywoods typische Klischees und erzählerische Konventionen, dass es selbst erprobten Cineasten manchmal schwerfallen könnte, den Film zu mögen. Er macht es dem Zuschauer an vielen Stellen bewusst schwierig. Aber auch darin liegt die Faszination des Films. In einer Zeit, in der konventionelle, publikumsfreundliche Massenware das Kino mehr und mehr dominiert, lässt sich ein konsequenter Freigeist wie Charlie Kaufman nur bewundern. In diesem Sinne bin ich auf seinen neuesten Film umso mehr gespannt. Zur Zeit ist die Frage offen, ob "Synecdoche, New York" Kaufmans einzige Regiearbeit bleibt. Zu wünschen wäre es nicht, wenngleich Kaufmans frühere Filme diesem hier qualitativ kaum nachstehen.
Nach diesen überraschend ausschweifenden Ausführungen nun mein mein eigentlicher Punkt: Entgegen seines künstlerischen Wertes wurde mit "Synecdoche, Nrew York" von Dritten viel Schindluder getrieben. Nicht nur kam der Film in Deutschland niemals ins Kino(ein Frevel), die deutsche DVD erscheint auch viel zu spät (in den USA ist der Film bereits seit über einem Jahr erhältlich). Als großer Kaufman-Fan sah ich den Film also schon lange vor dem deutschen Erscheinungstermin auf Englisch. Nun habe ich ihn auf Deutsch gekauft und wurde extremst enttäuscht: Der Film ist derart mies synchronisiert, dass es weh tut. Ich bin nornalerweise keiner von jenen, die im Chor Unkenrufe veranstalten, dass deutsche Synchronisationsarbeit ohnehin nicht taugen würde und man jeden Film im Original-Ton sehen müsste. Eigentlich bin ich mit der Arbeit der Synchronstudios generell äußerst zufrieden und vetrete die Ansicht, dass die Regisseure und Schauspieler sich sehr viel Mühe mit den Synchronisierungen machen.
Aber "Synecdoche, New York" ist in dieser Hinsicht irgendwie durch das Netz gefallen. Vielleicht lag es am Druck vom Label oder am geringen Budget, keine Ahnung. Aber in der Übersetzung finden sich nicht etwa kleine Fehler, die man noch verschmerzen könnte, sondern kolossale Schnitzer. So hat der offenbar sehr schläfrige Dialogregisseur das englische "Just flush [the toilet]!" mit deutsch "Zieh einfach auf!" übersetzt, und hier handelt es sich beileibe noch um eine vergleichsweise unbedeutende Stelle. Wenn aber einer der bedeutensten Monologe des Films durch eine vollkommen irrationale Übersetzung an Sinn einbüßt, tut das äußerst weh. Dem Dialogregisseur, der diese Schnitzer durchgewinkt hat, gehört (bei allem Verständnis bezüglich evtl. Zeitdrucks) das Gehalt gekürzt.
Das ist aber nicht das Einzige. Nicht nur wurde das Dialogbuch verhunzt, auch die synchronisiernden Schauspieler geben sich ungewohnt gelangweilt und unprofessionell. So zum Beispiel Tobias Meister, der deutschlandweit durch seine Synchronisationen von Brad Pitt bekannt ist. Als Caden Cotard spricht er seltsam tief und lässt viel von seinem stimmlichen Charisma vermissen. Warum nicht einfach Seymour-Hoffmans deutsche Standardstimme (Oliver Stritzel) besetzt wurde, bleibt ebenso rätselhaft und irritierend wie die Tatsache, dass ein namenloser Synchronsprecher (Kai Taschner?) nicht nur Cadens behandelnden Arzt, sondern auch den Charakter von Tom Noonan sowie mehrere sehr kleine Nebenrollen spricht. Insgesamt ein sehr enttäuschendes Ergebnis.
Daher mein Rat: Kauft diesen Film und seht ihn auf Englisch mit deutschen Untertiteln an. Interessanterweise sind nämlich die Untertitel absolut korrekt übersetzt worden.