Streng genommen ist Mahlers Neunte bereits seine Zehnte. Der Mythos von der Zahl 9, die schon für Bruckner und Beethoven das Schaffensende markierte, veranlasste jedoch den abergläubigen und ängstlichen Mahler bei seiner vorangegangenen Komposition die 9 durchzustreichen und das Werk in "Das Lied von der Erde" (die sogenannte "Symphonie ohne Nummerierung") umzubenennen. Trotz dieses numerischen Tricks wird die bezifferte Neunte dennoch zu Mahlers Abgesang, denn die Uraufführung wird er schon nicht mehr miterleben. Sie wurde dann auch als Abschiedssinfonie rezipiert, weil die Todesahnung hier nicht nur als bloße Fantasie sondern als unmittelbares Gefühl in einer edlen Paraphrase des Schwebens zwischen Abschiedswehmut und Ahnung des himmlischen Lichts überdeutlich aus der Musik heraus zu hören ist.
Der Kopfsatz wird von zwei kontrapunktischen Klangwelten bestimmt. Eingeleitet wird er von einem pulsierenden Harfenmotiv, das versonnen, von melancholischen Streichern abgelöst, in eine weit schwingende heitere Hornmelodie mündet. Aufgeregte Trompeten signalisieren dann den abrupten Wechsel in eine apokalyptische Stimmung, die dem Unheimlichen die Pforten in das Klangbild öffnet. Vehement drohende Paukenwirbel bereiten die Grundierung für mahnende Posaunen, stöhnende Basstuben und düstere Kontrafagotte, ehe dann seufzende Streicher in steilen Aufschwüngen den Weg für den Neubeginn bereiten. Wunderschön ist hier der Kontrast zwischen poetischen Melodien, die fast schon wie erzählende musikalische Prosa wirken und einem sehr subtilen psychologischen Moment, der vor allem durch die vielen Brüche und Fragmentierungen herbeigeführt wird. Einerseits wird den durchmelodisierten Instrumenten eine sehr redselige Stimme verliehen, die mit hypertrophischem Ausdruck nicht nur zum Publikum spricht, sondern Instrumente wie Flöte und Horn auch miteinander im Dialog kommunizieren lässt. Andererseits werden die einzelnen Themen durch Schnitte und Pausen in einzelne Fetzen geteilt und immer wieder abschattiert. Mahler lässt die Motive erst ins Bodenlose stürzen, ehe sie wie ein Phönix aus der Asche wieder auftauchen, um dann doch wieder zu Staub zu zerfallen. Immer wieder treten in einzelnen Episoden die Urmotive hervor und geistern quer durch das Orchester, indem sie von den einzelnen Stimmen klanglich nuanciert aufgeschnappt werden. So greifen dämonische Pauken das anmutige Harfenmotiv vom Beginn auf und tünchen es flankiert von einem Hornlamento und einem Trompetensignal in dunkle Klangkolorite, ehe die Harfe schließlich wie ein stolpernder Herzrhythmus inmitten der entfachten Wirbel aus dem Takt gerät. Geschlossen wird die nostalgisch verklärte Atmosphäre des ersten Satzes von der sogenannten fallenden Sekunde, den letzten Takten von zart hervortretenden Klarinetten, die traurig der verwehten Liebe nachflüstern und von Mahler durch ein zweifaches "Leb wohl" in der Partitur gekennzeichnet wurden.
Der zweite Satz, das Scherzo, ist ein sehr eklektisches Stück. Er ist in den melodiösen Floskeln dieser drei Ländler-Tänze, die (einmal erdig, dann manisch und schließlich zart) urplötzlich auftreten, abbrechen, neu ansetzen, um dann doch wieder spukhaft zu verschwinden, wie durch ein Prisma der Erinnerungen komponiert. Denn zu hören waren diese Idiome schon in vorangegangenen Mahlerwerken. Wenngleich sie hier in ihren komponierten Ruinen lediglich Andeutungen früherer Tänze darstellen und so der entschwundenen Jugendzeit huldigen. Es sind letztendlich Zitate eines Todgeweihten, bei dem die Erinnerung zum Medium der Musik wird. Die anschließende Rondo-Burleske überschreitet in ihrer Harmonik jegliche Grenzen der Tonalität, indem Mahler ein einziges 16-taktiges Thema den ganzen Satz hindurch abstuft und so eine virtuose Verzweiflung zeichnet, die am Rande des Misslingens grenzgängerisch auf dem Hochseil balanciert, weswegen der Satz auch als Echo des erwachenden Industriezeitalters gedeutet wird. Denn die einzelnen Motive werden hier wie mechanische Zahnrädchen miteinander verknüpft. Inseln der Ruhe und religiöse Chorale versuchen schließlich dem wilden Treiben Einhalt zu gebieten. Am Ende wird das unaufhaltsam nahende Unheil jedoch nur hinausgezögert, da es auf martialische Art dennoch die Oberhand gewinnt. Der letzte Satz, das Adagio, verweigert bewusst die triumphale Apotheose und wendet sich leise mit einem ganzen Arsenal von Traurigkeitsvokabeln vom Diesseits ab und entschwindet in blanker Einsamkeit verstummend allmählich ins Nichts. Was bleibt, ist sphärische Ewigkeitsmusik, die den Abglanz des Lebens und den Abschied für immer manifestiert.
Die Neunte wurde seinerzeit von der Kritik etwas befremdlich aufgenommen, denn sie brach allein schon durch ihre formale Anlage (schnelle Binnensätze und ruhige Ecksätze, fragmentierte und unsystematische Motivgruppen, Verzicht auf die Grundtonart etc.) die traditionellen Muster der klassischen Musik auf. Inzwischen gilt sie als Initiation der modernen Musik, denn sie ebnete vor allem Schönberg und seinen Epigonen den Weg. Um Mahlers Spätstil zu verstehen, muss man, wie es Adorno mal so schön formulierte, sich seiner gewohnten Hörkrücken so weit wie möglich entäußern, um einen Zugang zu dieser gebrochenen, episodenhaften Struktur zu finden.
David Zinman läuft hier zu großer Form auf. Denn er interpretiert sehr tiefgründig mit viel lebendigem Gefühl und durchaus auch raffinert durchdacht. Denn den kritischen Mittelteil der Rondo-Burleske schildert er zunächst in aller Nüchternheit ehe er im Finale in unwiderstehlicher Verwandlung zurückkehrt. Zinman zwingt den Hörer quasi dazu, nachhaltig über das Werk nachzudenken. Die Klangqualität der SACD ist sehr gut. Die Einspielung wurde auf 2 Discs verteilt, da hier die Aufführungsdauer knapp 89 Minuten beträgt.