Jede Zeit hat ihr eigenes Beethovenideal, welches auf der Seite der Interpreten beträchtlich durch Quellenstudium und musikalische Intuition, auf der Seite der Amateure hingegen durch Sympathie und Gewohnheit geprägt wird. Deshalb ist es m.E. unzulässig, Interpretationen unterschiedlicher Epochen im wertenden Sinne gegeneinander auszuspielen. Furtwängler, Toscanini und von Karajan haben uns eine mit den Mitteln und Kenntnissen ihrer Epoche ebenso schlüssige und grandiose Deutung der Symphonien Beethovens geschenkt wie es heutzutage die Herren Harnoncourt, Gardiner, Rattle, Abbado und Norrington tun. Norringtons Bestreben, die im Umgang mit seinen auf "historischen" Instrumenten spielenden London Classical Players gemachten Erfahrungen auf ein Orchester deutsch-romantischen Zuschnitts zu übertragen, ist ein erstklassiges Unterfangen. So haben seine Einspielungen der Werke von Berlioz, Mendelssohn, Schumann und Holst mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unbestrittenen Referenzcharakter und liessen mich mit Ungeduld auf die Gesamteinspielung der Symphonien von Beethoven warten. Und wie sich das Warten gelohnt hat! Von der ersten bis zu der epochalen neunten Symphonie geht von diesem Konzertmitschnitt eine Faszination aus, die schwerlich zu beschreiben ist. Ein wissender Dirigent und ein glänzend inspiriertes Orchester strahlen ein Charisma aus, welches jederzeit bezwingend ist. Natürlich ist es interessant, die auf der Bonus-CD gepresste Konzerteinführung zu verfolgen und den wissenschaftlich-theoretischen Hintergrund dieser Jahrhundert-Einspielung zu erfahren. Dies hätte aber alles keinen Wert, wenn nicht letztlich das Ergebnis zu einer Deutung führen würde, die ich wie folgt charakterisieren würde: Das vibratofreie Spiel der Streicher sowie alle anderen klanglichen Raffinessen nebst einer jederzeit überzeugenden Tempowahl führen zu einem Phänomen, welches in der Konzerteinführung erstaunlicherweise kaum gewürdigt wird. Nämlich zu einer Rhetorik, zu einer präzisen Phrasierung der Motivik und Thematik sowie zu einer Akzentuierung von Dissonanzen und den Beethoven eigenen Verschiebungen von Taktschwerpunkten mittels von Sforzati, die ich bisher noch nie derart packend hören durfte. Alles ist analytisch durchhörbar: Harmonische Details, fein abgestufte Dynamik, Nebenlinien, satztechnische Spezialitäten mit dem der für diese Zeit typischen "Durchbrochenen Stil" sowie die formale Architektur der Sätze, die zu jedem Zeitpunkt kristallklar ausgelotet wird. Und dies alles ohne erhobenen Zeigefinger des Pädagogen, sondern mit einer Selbstverständlichkeit, die ihre Wurzel in jener Musikalität besitzt, die in unserer Zeit leider immer rarer zu werden scheint. Wissen und emotionales Erleben dieses Wissens halten sich in dieser Gesamteinspielung wundersam die Waage. Fazit: Diese Einspielung ist ein absolutes Muss für alle Musikfreunde! Sir Roger Norrington, dem phänomenalen Radio-Sinfonieorchester Stuttgart nebst einem tadellosen Sängerquartett und der legendären Gächinger Kantorei Stuttgart ist ein genialer Streich gelungen, der selbst die zu Recht hoch gepriesenen Aufnahmen eines Harnoncourt und Gardiner weit hinter sich lässt. Wie die Einspielung von Sir John Eliot Gardiner und seinem Orchestre Révolutionnaire et Romantique (Archiv DGG) leben auch diese Aufnahmen von einem durch den Sturm und Drang geprägten Gestus. Für mich ist das Resultat bei Norrington allerdings überzeugender, weil letztlich weniger gestresst und insgesamt mit jenem Quäntchen Hoffnung und Schalk durchsetzt, welches durchaus auch Beethoven eigen war. Gelobt sei abschliessend auch die von Toningenieur Friedemann Trumpp (SWR) und seiner Crew hervorragend betreute, das transparente Klangbild phänomenal abbildende Aufnahmetechnik. Ein bemerkenswert diszipliniertes Publikum setzt zudem einen weiteren Glanzpunkt auf dieses sensationelle Projekt.