Es gibt wenige Mahlerzyklen, die mich dermaßen beeindruckt haben wie der von Michael Gielen und dem SWR Sinfonieorchester. Man soll zwar mit Superlativen vorsichtig umgehen, aber m.E. liegt hier tatsächlich die beste Mahler-Gesamteinspielung des Digitalzeitalters vor. Aber nun zum Inhalt...
Gielens Mahler begeistert durch eine Liebe zum Detail, ohne dabei jedoch (und das ist der Punkt!) den Blick fürs Ganze zu vernachlässigen. Bei Mahlers Sinfonien handelt es sich im Prinzip ja um Musikdramen -- und Gielen setzt Dramatik nicht gleich mit Bombast oder Theatralik, sondern versteht darunter vielmehr das Aufzeigen von Entwicklungen und Wendungen, eine Geschichte, eine musikalische Reise. Als Hörer entdeckt man dadurch ständig Neues -- so plastisch, aber auch unaufdringlich sind die Farben, Figuren und Stimmungen. Gielens genaue Beachtung der Tempo- und Dynamikanweisungen sowie wohldosiertes Rubato und Portamento lassen Mahlers Idiom allgegenwärtig erscheinen.
Die glasklare, nicht zu trockene Aufnahmetechnik soll in diesem Zusammenhang ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Die dritte Sinfonie liegt als vorzüglicher Livemitschnitt vor, bei den restlichen Sinfonien handelt es sich um Studioaufnahmen. Das SWR Sinfonieorchester spielt tadellos, voller Leidenschaft und setzt Gielens Ideen vortrefflich um.
Fazit: Eine grandiose Einspielung ohne nennenswerte Schwächen! Für mich bildet Gielen zusammen mit Kubelik (DG) und Bernstein (erster Zyklus, Sony) den Olymp der Mahler-Gesamteinspielungen. Alle drei Boxen zeugen von einer innigen Liebe zu Mahler und sind auf ihre ganz eigene Weise faszinierend. Wer seinen Mahler-Genuss noch weiter steigern möchte, dem sei an dieser Stelle auch das Buch "Mahler im Gespräch" empfohlen, in dem Michael Gielen (interviewt von Paul Fiebig) seine Ideen und Sichtweisen zu den Sinfonien auf kurzweilige und aufschlussreiche Weise erläutert.