Bruckners Dritte ist ein komplizierter Fall: Ihre Uraufführung im Jahr 1877 war ein katastrophaler Misserfolg. Bruckner hatte die ursprünglich 1873 komponierte Sinfonie allerdings bereits vor der Uraufführung aus eigenem Antrieb heraus grundlegend revidiert. Daher kann man die damals entstandene zweite Fassung von 1877 nicht als Reaktion auf die Ablehnung des Premieren-Publikums deuten. Im Gegenteil, Bruckner ließ die Sinfonie vorerst unverändert. Erst zwölf Jahre später überarbeitete er sie erneut, dieses Mal veranlasst durch Kritik von außen und in der Hoffnung, die Sinfonie durch weitere Kürzungen konzertfähiger zu machen. So gesehen bleibt die Fassung von 1877 wohl jene, die die Absicht des Komponisten am unverfälschtesten überliefert.
Die vorliegende Doppel-CD gestattet den direkten Vergleich der beiden Versionen von 1877 und 1889. Wildner, ehemaliger Cellist der Wiener Philharmoniker, dirigiert die Sinfonie beherzt und kenntnisreich. Das Orchester, obwohl weniger bekannt, spielt absolut überzeugend. Eine wunderbare Aufnahme besonders für alle, die sich auch für die Evolution der einzelnen Sinfonien Bruckners interessieren.