Sir Roger Norrington gehörte mit seinen London Classical Players in den 80ern Jahren als einer der wichtigen Hauptakteure zu jenen, die die Interpretationsgeschichte der Kunstmusik wesentlich um eine Alternative bereicherten. Es war kurz nachdem Karajan seinen letzten Beethoven-Zyklus auf den Markt brachte, eine Zeit, deren Interpretationsansätze für die Kompositionen von beispielsweise Beethoven und Mozart noch stark von Altmeistern wie Furtwängler, Klemperer, Karajan und Böhm geprägt waren. Die Pionierleistungen von Harnoncourt, Hogwood und Pinnock sollen dabei nicht unter den Tisch fallen, aber es war durchaus ein großer Knall, den der Beethoven-Symphonien-Zyklus von Norrington und den LCP auslöste. Nach Beethoven, Mozart und Schubert nahm sich Norrington dann schließlich sogar Romantiker, ja sogar Wagner vor.
Die Symphonie Fantastique von Berlioz klingt auf alten Instrumenten, in kleinerer Orchesterbesetzung und mit vibratoarmem Streicherklang, um nur einige der Aspekte der historischen Aufführungspraxis zu nennen ebenfalls ungewohnt. Dieses Werk wird gemeinhin sehr vollmundig interpretiert, mit sattem, dichtem Streicherklang und auch relativ großen Bläserbesetzungen. Die technischen Herausforderungen für die Orchestermusiker sind groß und ich denke, sie sind mit den alten Instrumenten noch weitaus größer.
Die Frage, die sich stellt ist dabei, wieviel Zugewinn das Ganze bringt. Während ich bei Beethoven und Mozart beispielsweise immer wieder begeistert bin, wieviel an Details der Nebenstimmen und Begleitungen Ensembles herausholen, die sich an der historischen Aufführungspraxis orientieren (egal ob mit alten oder neuen Instrumenten) und wie klarer Kontraste gezeichnet werden, womit ich nicht nur temperamentvolle Sforzati und hohe Tempi meine, sondern auch, dass nach meiner Wahrnehmung Piano- und Pianissimo-Stellen i.d.R. feiner gezeichnet werden.
Bei dieser Aufnahme von Berlioz' Symphonie Fantastique finde ich auch großen Gefallen an den leiseren, streicherdominierten Passagen, z.B. im ersten Satz, aber auch zu Beginn des Dritten. Der feinere, eher gläsern klingende, nicht so schrille Streicherklang gefällt mir sehr gut. Am besten gelingt Norrington sowohl in leiseren, aber auch in dynamischeren Passagen der dritte Satz. Sehr deutliche Probleme habe ich hingegen sowohl mit dem "Marche au Supplice" als auch mit dem "Songe D'Une Nuit Du Sabbat": Fagott und Trompeten vermögen einfach nicht, ihre Passagen deutlich zu phrasieren und so geht sowohl die Vorbereitung zum Hauptteil des Marche au Supplice durch das Fagott als auch das Trompetenthema nahezu unter, die Trompeten wirken überfordert und blass und werden durch das recht penedrante Kontrafagott nahezu übertönt.
Ähnliche Probleme habe ich mit dem Hexen-Sabatt, um nur eines zu nennen: die von Norrington gewählten Glocken klingen derart dumpf nach, dass man die Antwort der Streicher kaum hört. Das ist einfach schade.
Ich denke nicht, dass es bei mir bei der Symphonie Fantastique einfach nur daran liegt, dass ich allzu glatt und perfekt wohlklingend gespielte Aufnahmen gewohnt bin. Kennengelernt habe ich dieses Werk mit einer Aufnahme von Igor Markevitch, die relativ alt ist und passagenweise auch recht schräg klingt, was ich bei diesem Werk manchmal auch passagenweise für passend halte. Aber die London Classical Players decken für meine Wahrnehmung eher wichtige Passagen zu als dass sie in großem Maße Details aufdecken würden, die bei Großorchestern im "allgemeinen Getöse" untergehen. Ob das notorisch für die historische Aufführungspraxis mit alten Instrumenten bei diesem Werk ist, weiß ich nicht und möchte ich daher auch nicht behaupten. Die viel gelobte Anima Eterna-Aufnahme kenne ich leider noch nicht.
Diese Aufnahme finde ich insgesamt nicht schlecht, sie bietet eine interessante Alternative zum Gewohnten, aber ich sehe in ihr insgesamt keinen großen Zugewinn und kann sie daher nur bedingt empfehlen.