Das neue Buch von Prof. Dr. Franz Ruppert besticht aus meiner Sicht in seiner Klarheit und zeigt für diejenigen, die auch seine vorangegangen Bücher gelesen haben, seinen Erkenntniswillen und Forscherdrang bzgl. Traumata und deren Wirkmechanismen in unserer Seele. Unter anderen beschreibt er seinen eigenen Weg, der ihn von der Familienaufstellung zur Traumaaufstellung führte. Ausführlich erklärt er seine derzeitige Vorgehensweise und seinen Weg dahin.
Die intensive Auseinandersetzung und Erforschung bzgl. Traumata und deren Folgen, so wie es Prof. Dr. Franz Ruppert seit vielen Jahren tut, weist darauf hin, das Trauma nicht außerhalb sondern innerhalb der üblichen menschlichen Erfahrung liegt. Dies wird umso klarer, wenn man nicht nur das individuell erlebte Trauma betrachtet, sondern die transgenerationale Weitergabe traumatischer Erfahrungen mit einbezieht. Um das zu erfassen, so Franz Ruppert, genügt ein Blick in die Vergangenheit: Kriege, Naturkatastrophen, Diktaturen usw. traumatisieren, auch heute noch, ganze Bevölkerungsschichten.
Die Aufstellungsmethode, so wie sie von Prof. Dr. Franz Ruppert weiterentwickelt wurde, wirft einen neuen Blick auf das individuelle erlebte Trauma und die transgenerationale Weitergabe von Traumata innerhalb familiärer Bindungssysteme.
Aufgrund seiner vielen praktischen Arbeit mit Patienten hat sich für ihn eine weitere Art von Trauma herauskristallisiert: Das Symbiosetrauma.
Die Aufstellungsarbeit zeigt immer häufiger, dass Patienten oftmals von den Traumagefühlen ihrer Eltern derart überflutet sind, dass sie nicht mehr unterscheiden können, wer sie selbst sind und wer der andere ist. Das Symbiosetrauma zeigt sich in fast allen Beziehungen, zu den eigenen Kindern, den Partnern, den Freunden oder auch bei Arbeitskollegen.
Die Trennung zwischen Ich und Du, zwischen eigenen Gefühlen und fremden Gefühlen ist nur schwer zu unterscheiden, wenn überhaupt.
Aufgrund seiner Forschung und seiner praktischen Arbeit zeigt sich immer deutlicher, wie sehr Klienten mit den traumatischen Erlebnissen der Eltern, Großeltern und manchmal auch Urgroßeltern, verwoben sind. Diese Überlagerung von Fremdgefühlen, die keine Zuordnung in der eigenen Biographie erfahren können, machen es Klienten schwer eine eigene Identität zu entwickeln. Sie leiden unter extremen Ängsten, unverständlichen Scham- und Schuldgefühlen, unter Beziehungsstörungen, quälenden psychosomatischen Symptomen bis hin zur Suizidalität und zum Wahn führend, in eine Psychose.
Franz Rupperts Methode mit Aufstellungen zu arbeiten unterscheidet sich stark von Bert Hellinger und anderen Aufstellerkollegen, was er auch sehr deutlich betont. Seine Annahme ist, dass die klassische Form der Familienaufstellung ein Symbiosetrauma verstärkt, anstatt dem Patienten darin zu unterstützen, sich zu lösen um so zu einer eigenen Autonomie zu finden.
Das Ziel der Traumaaufstellung ist es, sich von fremden Gefühlen aus dem familiären Bindungssystem zu lösen und das Eigene anzunehmen. Doch das setzt voraus, das wir unterscheiden können, in die Lage versetzt werden, die symbiotischen Verstrickungen zu erkennen, um uns daraus lösen zu können. Erst wenn das gelingt, bekommen wir Zugang zu uns selbst, sind in der Lage unser eigenes Leben ohne Fremdbestimmung zu leben.
Sein Spaltungsmodell, in einen Überlebens-Anteil, in einen Traumaanteil und den gesunden Anteil, ist hier überaus hilfreich. Ebenfalls seine Beschreibung hierzu, wie sich Überlebensanteile verhalten, woran traumatisierte Anteile zu erkennen sind, und was die gesunden Anteile ausmacht.
Besonders interessant finde ich seinen "Ausflug" und seine Deutung bzgl. der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise unter den Aspekt von Traumata.
Für mich lässt das nur einen Schluss zu: Auch heute noch fehlt ein politisches und gesellschaftliches Umfeld, das die Erforschung von Traumata unterstützt, fördert und somit ein Klima schafft, in dem das Unaussprechliche ausgesprochen werden darf und künftige Generationen vor Wiederholungen schützt.
In jüngster Zeit erleben wir eine Welle von Missbrauchsfällen, die in katholischen Einrichtungen durch Priester, Bischöfen an Kindern begangen wurden. Das Fundament der katholischen Kirche wird erschüttert.
Das was jetzt offen zu Tage tritt, ist sehr wahrscheinlich erst die Spitze des Eisberges und es bleibt abzuwarten, ob noch mehr Betroffene den Mut haben, die Schweigemauer einzureißen und somit aufzeigen wie tief Gewalt, sexueller Missbrauch, Inzest usw. in der Gesellschaft, den Familiensystemen verwurzelt sind.
Solange ganze gesellschaftliche Systeme überwiegend aus ihren Überlebensanteilen agieren, werden weitere Krisen die Folge sein.
Die Erforschung von Traumata ist eine politische und gesellschaftliche Aufgabe, doch wie schreibt Franz Ruppert: "Diese Einsicht wird womöglich noch Generationen brauchen...
Gleichzeitig schreibt er sehr mutmachend: "Auch wenn in einer Gesellschaft, bedingt durch Kriege, Naturkatastrophen und Gewalt in den Familien, ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung traumatisiert ist, nahezu 100 % der Menschen haben gesunde seelische Anteile." Franz Ruppert glaubt, dass jeder Mensch, trotz aller Widrigkeiten seiner Lebensumstände, gesunde seelische Strukturen in sich hat. Er bekommt sie mit als Startkapital, als Lebenswille und Lebenskraft...
Franz Ruppert hat sich auf eine Entdeckungsreise in das Innere der menschlichen Seele gemacht und weiß, dass das Ende noch lange nicht erreicht ist...Für ihn sind noch lange nicht alle Rätsel unserer menschlichen Psyche gelöst!
Wir dürfen also weiterhin gespannt sein...