Bruno Walter (1876-1962) war einer der bedeutendsten und vielseitigsten Dirigenten des vergangenen Jahrhunderts. Wegen seiner jüdischen Herkunft musste er Deutschland 1933 und Österreich 1938 nach dem Anschluss an das Deutsche Reich verlassen. Er fand eine neue Heimat in Kalifornien, hat jedoch den Verlust seines geistigen und kulturellen Nährbodens nie ganz verschmerzen können.
Zu seinen Lieblingskomponisten zählte von früher Jugend an Johannes Brahms, und seine Symphonien hat er immer wieder öffentlich aufgeführt und bereits Anfang der 1950er Jahre auf Schallplatten eingespielt.
Nach Einführung der Stereophonie wurde ihm von seiner Plattenfirma die Gelegenheit geboten, noch einmal seine bevorzugten Werke in der neuen Technik aufzunehmen. Dazu wurde eigens das Columbia Symphony Orchestra gegründet und ihm zur Verfügung gestellt. So entstanden auch die Spätversionen der Brahms-Symphonien, die von Sony im Rahmen der Bruno-Walter-Edition neu aufgelegt wurden.
Auf vorliegender CD sind die Symphonie Nr. 1, die Haydn-Variationen und die Akademische Festouvertüre op. 80 zusammengefasst. Walters Brahms-Auslegungen galten seinerzeit als besonders authentisch, und wenn man auch im Vergleich mit der vorangegangenen Mono-Aufnahme feststellen muss, dass der Dirigent diesmal noch abgeklärter zu Werke geht, so ist doch unüberhörbar, dass Walter sich im Grundkonzept im Prinzip treu geblieben ist. Es ist eine liebevolle, auf lyrischen Grundton abgestellte Version, die etwa in der Mitte zwischen Klemperers (EMI) strenger, analytischer und Barbirollis (EMI) weicher, pastoser Auffassung anzusiedeln ist.
Die Haydn-Variationen sind gleichfalls von dieser abgeklärten Konzeption getragen; die Tempi sind eher verhalten, aber niemals schleppend, und jede einzelne Variation wird ganz individuell und akribisch ausgeformt.
Aus Anlass der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Breslau 1881 entstand die Akademische Festouvertüre op. 80, ein unkompliziertes Stück in Form eines Potpourries von Studentenliedern, gipfelnd im "Gaudeamus igitur". Das Stück dürfte keinem halbwegs renommierten Dirigenten große Schwierigkeiten bereiten, und so meistert auch Bruno Walter die Gelegenheitskomposition völlig souverän und mit hörbarer Begeisterung.
Die Aufnahmen entstanden 1959 (Symphonie) und 1960 in der American Legion Hall, Hollywood/California und erklingen nach digitaler Aufbereitung in guter Stereoqualität. Andreas Kluge hat einen erfreulichen Beitrag zum Textheft beigesteuert.