Wohl jeder Kettcar-Fan hat sehnsüchtig auf das neue Album der gefühlvollen, intelligenten, nachdenklichen, aber kraftvollen Band aus Hamburg gewartet. Drei Jahre nach Erscheinen des Albums "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" veröffentlichen die Jungs um Marcus Wiebusch ihre dritte Platte.
Haben sich Kettcar geändert? Ja. Hat die Band krampfhaft versucht, Folgeversionen von "Balu" oder "48 Stunden", "Volle Distanz" oder "Balkon gegenüber" zu schreiben? Nein! Und so kann es sein, dass sich einige, die sich in diesen exzellenten Songs melancholisch und wohlig aufgehoben gefunden haben, das Album nach eben diesen Folgeversionen durchsuchen und zunächst enttäuscht sind. Das Dümmste wäre allerdings, Sylt danach in den CD-Schrank zu stellen und verstauben zu lassen. Wer so denkt, braucht kein neues Kettcar-Album. Wer "Balu" hören will, soll "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" einlegen und nicht "Sylt".
Das Thema des neuen Albums ist die Auseinandersetzung mit den Härten des Lebens, in dem man fürchtet, angekommen zu sein, weniger die Ambivalenzen des Aufbruchs in selbiges oder die Licht- und Schattenseiten der Liebe. Insofern ist "Sylt" dunkler, läd ein zur Trauerarbeit und stellt doch fest "Wir werden nie enttäuscht werden".
Musikalisch bleibt ein unverkennbarer Kettcar-Sound erhalten, obwohl insgesamt der Eindruck entsteht, dass entsprechend der thematischen Ausrichtung von "Sylt" das Harmonische und das Ruhige der letzten Platte einer größeren Unruhe und Aggressivität weichen mussten (ausgenommen "Am Tisch"). Aber wenn bei "Wir müssen das nicht tun" die Gitarre ansetzt, hört man sofort "Kettcar", ähnlich verhält es sich mit "Kein aussen mehr".
Das absolute Highlight der Platte ist aber "Fake for Real". Ein Stück, dass sich mit der Ausbreitung der Angst in unserer Gesellschaft auseinandersetzt. Die Bedrohungen unserer Zeit (beispielhaft Terrorismus und Arbeitsplatzverlust und folgende Perspektivlosigkeit) legen einen "Sessel im Keller" nahe. Kettcar schlagen etwas anderes vor: "Dein Herz reißt sich zusammen. Weil es manchmal egal ist, ob man jetzt wirklich, wirklich mutig ist oder nur tut als ob" ist ein Aufruf dazu, die Angst zwar anzuerkennen, sich aber ihr nicht völlig auszuliefern.
Wer es melancholischer und ruhiger mag, hört in "Am Tisch" hinein. Tuba und Trompete sorgen für eine traurig-schöne Grundierung des Liedes, dass durch einen Refrain ergänzt wird, der das Aufgeben nahelegt und dennoch auch Gelassenheit ausstrahlt: "Ein Toast auf das Leben, seine Lügen, und wie wir uns zeitlebens abmühen, für nichts, und gar nichts". Schön ist außerdem, dass Niels Frevert ungefähr bei der Hälfte des Songs durch den Gesang das Lied übernimmt.
Mit mehr Energie warten "Nullsummenspiel", "Kein aussen mehr" und "Geringfügig, befristet, raus" auf, die ebenfalls gesellschaftskritischer sind als viele der vorherigen Kettcar-Tracks.
Alles in Allem bleibt ein außergewöhnlicher Beitrag zur deutschen Musikszene, der viel mehr Aufmerksamkeit verdiente als alle Julis, Helden oder Madsen dieser Republik. Letztlich sind Kettcar aber wohl zu komplex, manchmal zu kompliziert und immer etwas zu mutig für die breite Pop-Welt. Vielleicht sollte man sagen: Zum Glück.