1983, zehn Jahre nach seinem Debüt mit "Closing Time" und neun Alben später, hat Tom den künstlerischen Olymp erreicht. "Swordfishtrombones" wird in die Musikgeschichte eingehen. Die Platte wird eine der einflussreichsten Veröffentlichungen der 80er Jahre überhaupt, zahllose bedeutende Musiker des Jahrzehnts listen sie unter ihren Vorbildern auf. Es ist schwer, unter Toms Platten die eine, beste auszumachen. Wenn es aber darum geht, die monolythischste und für sein Werk wichtigste auszumachen, fällt die Wahl ganz eindeutig auf "Swordfishtrombones". Nie zuvor war er derartig radikal in seinen künstlerischen Mitteln. Und auch später wird er nur noch zweimal an diesen Punkt gelangen, mit "Black Rider" und mit "Bone Machine".
Um dieses Album rankt sich die Geschichte, dass sie ihm bei Asylum die Tür zeigten, als er mit den ersten Aufnahmen aufkreuzte. Der Schock war zu groß. Es hatte sich zwar auf den letzten Alben bereits angedeutet, dass Tom keine Lust mehr darauf hatte, den Bar-Piano-Beatnik zu geben. Aber mit etwas derartigem wussten sie bei der alten Plattenfirma einfach nicht umzugehen. Gut, dass Island Records grade vor der Tür stand.
Die fünfzehn Songs auf "Swordfishtrombones" sind durch die Bank krumm, windschief, bucklig. Es knirscht in den Gelenken. Toms wimmernde, heulende, bellende Stimme tut ihr übriges dazu. Und auch instrumentell tut sich so einiges. Die E-Gitarre tritt in den Hintergrund. Das Piano sowieso. Die Basslinien von Greg Cohen werden immer wichtiger. Und in die Songs schleicht sich die Schlagwerk- und Percussionsabteilung ein: Buschtrommel, Marimba, Konga, Snaredrum, ein Satz Weingläser, diverse Glocken. Unter anderem. Schließlich die immer wichtiger werdenden Bläser. Aber nicht mehr das alte Saxophon, sondern Trompeten und Posaunen. Das Mirakel dieser Songs ist nun, dass jeder einzelne trotz dieser Verschobenheit wunderschön ist.
Einzelne Lieder aus diesem Gesamtkunstwerk herausheben? Wo jedes ein in Stein gehauenes Heiligtum darstellt? Geht natürlich eigentlich nicht. Aber man hat selbstverständlich seine Lieblinge. Gleich die Eröffnung mit "Underground" und "Shore Leave" hintereinander ist großartig. Mein Lieblingsanfang einer Platte überhaupt. "In the neighbourhood" ist ein toller Gassenhauer, der mit einer kompletten Marching-Band die Hauptstraße hinunter zu kommen scheint. Und dann natürlich "Swordfishtrombones" selbst! Was für ein Song! Allein wegen der Bassline von Greg Cohen muss man diese Platte besitzen. Ganz zu schweigen von den unglaublich guten Lyriks. Das folgende "Down, down, down" leitet im letzten Drittel die härteren Gitarren-Nummern ein. "Soldiers Things" ist brilliantes Texten in Verbindung mit melancholischster Instrumentierung. Und zum Ausklang gibt es mit "Rainbirds" Toms schönstes Instrumental seit "Closing Time", mit dem er vor zehn Jahren seinen Erstling ausklingen lies.
Was für einen weiten Weg wir seitdem zurück gelegt haben! Doch für dieses Etappen-Ziel hat sich jeder Schritt gelohnt. Übrigens auch für Tom privat: In den Credits von "Swordfishtrombones" dankt der frisch Verheiratete seiner Frau Kathleen. Und mit "Johnsburg, Illinois" hat er ihr gleich einen ewigen Treueschwur in Liebesliedform auf die Platte gebannt - denn da stammt sie her. Und natürlich ist auch dieses kleine Liedchen am Ende ein bisschen schief. Gerades machen die anderen zu Genüge.
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Dies ist der neunte Teil meines Annäherungsversuches an den Waitsschen Kanon. Den Vorgänger finden Sie hier: "
One from the Heart". Weiter geht es mit "
Rain Dogs".