Eine originale Langspielplatte oder CD ist wie eine Momentaufnahme aus einer bestimmten Stilepoche, eine Sammlung akustischer Fotografien. Im Gegensatz zu Samplern ("Greatest Hits", "Best of" usw.) vermittelt ein solches Album ein viel detaillierteres und zeitbezogeneres Spektrum eines Künstlers und seiner Zeit. Gerade auch die Musiker, die man nicht zu den Eintagsfliegen rechnen kann, haben viele LPs abgeliefert, die heute noch legendär sind. Aus diesen wurden und werden von Plattenfirmen und Verlagen immer neue Kompilationen hergestellt und veröffentlicht, die für gewöhnlich die vermeintlich besten bzw. bekanntesten Stücke bündeln sollen. Dabei bleibt manches Juwel auf der Strecke - und der Gesamteindruck verwischt.
Bert Kaempfert hat mit seinem Orchester gut 40 Original-LPs eingespielt. Zwei davon sind auf dieser CD vereinigt: "A Swingin' Safari" von 1962 und "Safari Swings Again" aus 1976. Sie gehören thematisch zusammen; spöttisch könnte man das Pärchen "Original und Fälschung" nennen - aber das würde unserem Meister Kaempfert natürlich nicht gerecht werden. Er war nicht der erste (und nicht der letzte), der seinen eigenen großen Wurf in späteren Jahren wiederholen wollte. Das hat eigentlich fast nie bei irgendwem funktioniert, auch nicht bei Kaempfert. Das lag aber hier nicht nur an ihm selbst, sondern auch am veränderten Zeitgeschmack des Publikums.
Diese Platte bietet die Möglichkeit, zwei Produktionen aus ganz unterschiedlichen Epochen zu vergleichen, aber natürlich darf man auch einfach nur entspannt zuhören! Mit 38 Jahren hat Kaempfert seine "Swingin' Safari" aufgenommen, als 52-jähriger ging er nochmals auf Safari. Dazwischen liegen 14 Jahre Weltkarriere.
Die älteren Aufnahmen wurden schon mehrfach auf CD wiederveröffentlicht und kommen jetzt ein weiteres Mal in die Läden, und das 40 Jahre nach ihrer Entstehung und digital remastered. Diese LP ist ein echter Evergreen, der meinem Geschmack nach das Lebensgefühl der beginnenden 60er Jahre musikalisch und eindringlich illustriert: kulturelle Aufbruchstimmung, Euphorie über das Wirtschaftswunder und Zuversicht auf wachsende Prosperität in Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur.
Wenige Monate nach Kaempferts Liason mit den frühen Beatles und Tony Sheridan nahm er im gerade neu eingerichteten Polydor-Studio in Hamburg Anfang des Jahres 1962 seine "Swingin' Safari" auf. Es war seine bis dahin siebente LP, und die vierte seit seinem Durchbruch mit "Wonderland By Night". In Kaempferts musikalischer Karriere markiert diese Langspielplatte für mich einen stilbildenden Durchbruch. Die mitunter - aus heutiger Sicht! - etwas kitschigen Produktionen seiner vorangegangenen Platten werden vor allem hinsichtlich der geradezu frechen, frischen Arrangements weit in den Schatten gestellt. Kaempfert emanzipiert sich regelrecht und kultiviert seinen unverwechselbaren Stil mit Knackbass, Schlagzeug-Besen, summendem Chor, Streichern und Piccoloflöten. Schon drei Jahre später wird Kaempfert seinen Sound noch weiter verfeinern - ich denke da an die LP "Bye Bye Blues" und die folgenden -, aber auf "Swingin' Safari" zeigt er schon seine ganze Meisterschaft mit vergleichsweise kleiner Orchesterbesetzung. Die Aufnahmen wurden mit einem (!) Stereo-Mikrofon gemacht und wirken für heutige Ohren frisch, sauber, dynamisch und immens räumlich. Solche Aufzeichnungen wird es vielleicht nie wieder geben. Die Technik hat sich dermaßen weiterentwickelt, daß veraltete Aufnahmeverfahren leider oft als nicht mehr zeitgemäß betrachtet werden.
Urtitel der gesamten Produktion dürfte "Afrikaan Beat" gewesen sein, das auf südafrikanischen Musiktraditionen basiert. Darum herum hat Kaempfert ein Konzept gestrickt, das auch noch heute wie aus einem Guß wirkt.
Wie bei fast allen seinen LPs üblich, stammen auch hier jeweils die Hälfte der Titel aus seiner Feder (für die spätere Produktion hingegen hat er sogar zwei Drittel selbst geschrieben!). Diese Tatsache erhebt ihn fast automatisch über alle seine musikalischen "Konkurrenten", nicht nur innerhalb Deutschlands! Max Greger, Werner Müller, Billy Vaughn, Ray Conniff und viel später James Last (um nur einige wenige zu nennen) - sie alle haben herrliche Platten aufgenommen. Aber als Komponisten sind diese Musiker nur sporadisch in Erscheinung getreten. Kaempfert hingegen hat jede Menge stilbildender Kompositionen abgeliefert und damit die stets dürstende Welt der Big-Bands massiv bereichert.
Soweit zur frühen Produktion. Was hat sich nun in den folgenden 14 Jahren geändert? Der Knackbass ist zwar futsch, die Besen kehren aber immer noch gut. Und die Aufnahmetechnik hat sich verändert. Das Resultat ist unverkennbar Bert Kaempfert - nur der frische Wind von 1962 ist irgendwie weggeblasen. Die phonetische Differenz zwischen 1976 und 1962 ist erheblich; demgegenüber könnten die Titel aus 1976 ebensogut gestern erst aufgenommen worden sein. Das belegt einmal mehr die sprichwörtliche Perfektion des Meisters. Mir persönlich gefallen trotzdem (oder gerade deswegen?) die alten Aufnahmen viel besser als die neueren, sie klingen origineller, unverbrauchter, unmittelbarer, mitteilsamer. Sie sind einfach euphorisch, reißen mit, begeistern!
Zu den insgesamt 25 Einzeltiteln könnte man viel sagen, aber letztlich sollte man sie einfach hören und für sich selbst sprechen lassen. Hier nur soviel: Charakteristisch erscheint mir für die neuen Stücke aus Kaempferts Feder zu sein , daß sie weniger inspiriert wirken. Bei genauerem Hinhören hat man unweigerlich den Eindruck, daß Kaempfert vor seinem Notenpapier saß und versuchte, seine großartigen Ideen von 1962 neu zu verpacken: "Happy Safari" und "Seven Up" klingen wie „A Swingin' Safari", "Soft Shoe Safari" ist "Der fröhliche Landmann" (von Kaempfert auf seiner LP "Combo Capers" schon mal 1960 eingespielt), "Sugar Bush" ähnelt "That Happy Feeling", "Monkey Shuffle" imitiert "Afrikaan Beat", "Mombasa Rock" eifert "Wimoweh" nach, und schließlich, als Kuriosität am Rande: "Walking With Fips" ist zweifelsfrei eine Neuaufnahme von "Happy Whistler" aus 1964. Dieser fröhliche Titel ist recht rar und erschien u.a. auf einem frühen Sampler ("Kaempfert Bestseller", 1967). Seitdem wurde er irgendwie vergessen und tauchte praktisch nie wieder auf. Auf CD kriegt man ihn momentan nur einmal, als Bonus-Track auf "The Magic Music Of Far Away Places".
Resümee: Diese CD kann man immer wieder hören. Im Wohnzimmer, im Auto - über Kopfhörer oder Boxen, nebenbei oder mit Hingabe. Neben dem reinen Hörgenuß spiegelt sie die musikalische und tontechnische Evolution des Easy-Listening wider und zeigt m.E., daß weniger mehr sein kann. Mehr Aufnahmespuren, mehr Musiker, mehr Percussiongags - das bedeutet nicht per se mehr Hörgenuß. Quantität und Originalität sind nicht zwangsläufig proportional!