Die Box beinhaltet 4 CDs mit insgesamt 95 Titeln europäischer Swingmusik aus Deutschland und den während des Krieges besetzten Ländern aus den Jahren 1937-1944. Ein 59-seitiges Booklet mit Text von Joop Visser, das alle Titel in den historischen Kontext setzt sowie die einzelnen Musiker in einer Art Kurzbiographie vorstellt, sehr fundiert geschrieben, ergänzt die CDs. Es geht um Swing-Musik unter den Nazis, unerwünschte Musik eigentlich, und doch gab es Nischen, in denen Musiker die Musik spielen konnten, die sie wollten.
CD 1 widmet sich den deutschen Swing- und Tanzorchestern der Zeit, Erhard Bauschke, Albert Vossen, Kurt Hohenberger, Willy Berking, Oscar Joost, Helmut Zacharias, Teddy Kleindin, Willy Stech und Willy Stanke sind vertreten, auch zwei der etwas jazzigeren Titel von Michael Jary. Man spürt das musikalische Talent in diesen Aufnahmen, obwohl die Musiker - bedingt durch die Isolierung, das Verbot bestimmter Titel und die generelle Ghettoisierung der unerwünschten Swing-Musik - nicht ihr volles Potential entfalten können. Hochinteressant ein Titel mit dem legendären Hot Club Frankfurt von 1941 ("Stomp"), mit Karlo Bohländer (tp), Karl Petry (cl), Emil Mangelsdorff (acc!), Hans-Otto Jung (p) und Hans Podehl (dr).
CD 2 behandelt ein düsteres Kapitel der deutschen Swing-Geschichte, die Nazi-Propagandatitel von "Charlie and His Orchestra", mit Standards in guten Arrangements bester amerikanischer Prägung und unsäglichen antibritischen, antiamerikanischen und antisemitischen Texten des Sängers "Charlie" Schwedler. In diesem Propaganda-Orchester spielte die Creme de la Creme der deutschen Unterhaltungsmusiker plus noch einige aus den besetzten Ländern (es gab regelrechte Rekrutierungs-Raubzüge etwas in Ernst van't Hoff's Orchester). Ausgestrahlt wurden diese Titel im Rahmen von Propandasendungen wie "Germany Calling" und zielten im wesentlichen auf die britische Hörerschaft.
CD 3 bietet einen Streifzug durch den Swing im besetzten Europa, mit Aufnahmen aus Dänemark (Svend Asmussen, Kordt Sisters, Harlem Kiddies), Holland, das eine der besten Swing-Szenen Europas hatte (mit den berühmten Ramblers, Frans Wouters, Ernst van't Hoff - einer der besten europäischen Big Bands Anfang der 40er - , Charlie Nederpelt, Dick Willebrandts, Klaas van Beeck und Piet van Dyck), zwei raren Tondokumenten aus Norwegen (Rolf Syversen) und Ungarn (Radics Gabor). Fast durchweg sind die holländischen Bands den deutschen Orchestern voraus, man merkt, dass sich da zumindest bis 1939/40 etwas entwickelt hatte, was in Deutschland so nicht möglich war.
CD 4 legt einen speziellen Fokus auf Belgien und Frankreich, mit viel Django Reinhardt natürlich, aber auch Fud Candrix, Stan Brenders, Gus Deloof - für so ein kleines Land hatten die Belgier eine erstaunliche Anzahl guter Orchester - , sowie Gus Viseur (feiner Akkordion-Swing), Dany Kane (dto mit Harmonika), dem großen französischen Altsaxophonisten Andre Ekyan, Joseph Reinhardt, dem Klarinettisten Hubert Rostaing, Christian Bellest und zu guter Letzt einer Big Band unter der Leitung von Eddie Barclay. Auch auf den Titeln, auf denen Django nicht mitspielt, kann man seine übermächtige Präsenz fast immer in den starken Rhythmusgitarren spüren.
Es war eine Ironie des Schicksals, daß während die meisten deutschen Musiker, selbst die Mitglieder von "Charlie and His Orchestra", im Nachkriegsdeutschland Karriere machten, dies inbesondere den belgischen und holländischen Bandleadern nicht beschieden war. Durch ihre zahlreichen und regelmäßigen Auftritte in Deutschland galten sie zuhause als Kollaborateure, bekamen zum Teil befristete Auftrittsverbote und konnten in den wenigsten Fällen wieder Orchester zusammenstellen.
Alles in allem eine ausgezeichnete Dokumentation, mit viel Sorgfalt zusammengestellt. Jedem zu empfehlen, der sich für europäischen Swing der 30er und 40er interessiert.