Eigentlich wollte ich nur mal schauen, ob es diese Platte noch gibt. Als ich aber sah, daß sie hier bloß 3 Punkte trägt, während alle anderen Platten zurecht als hochwertig eingeschätzt werden, muß ich doch noch etwas dazu schreiben. Tanita Tikaram hat sich nie um die Erwartungen ihres Publikums gekümmert. Jede ihrer Platten klingt anders genial als die vorhergehende. Wenn sich etwas Konstantes finden läßt, ist es die trotzdem gleichbleibend hohe Qualität ihrer Aufnahmen (von den "Cappucino Songs" vielleicht einmal abgesehen). Wenn der erste Rezensent schreibt, ihm gefielen außer der ersten Platte "Ancient Heart" nur die beiden Songs, die von dieser auf der Best Of vertreten sind, dann macht er damit auf einen wichtigen Punkt aufmerksam, der für den größten Teil der Werke Tikarams gilt: Man muß sich erst hineinhören. Die Arrangements erscheinen einem beim ersten Hören oftmals sperrig, die Melodien sind nicht oft gefällig. Die Stimme ist warm, tief, teilweise brüchig und vor allem unerhört emotional. Wie man sich in den Stil eines klassischen Autors erst einlesen muß, verlangt die Musik der Tanita Tikaram, daß man sich in sie erst einhört. Das beginnt schon auf der ersten Platte bei den Titeln "For All These Years" und "Preyed Upon". Diese geben schon die Richtung vor, in die Tanita später gegangen ist: getragen, melancholisch und ungeheuer tief. Man muß die Texte nicht verstehen um das zu merken. Solche Musik wird mit jedem Hören besser. Mir ging es 1990, als die Platte erschien, wie dem Erstrezensenten: Ich war maßlos enttäuscht, daß da nicht eine Fortsetzung von "Ancient Heart" auf dem Plattenteller lag. Meine Begeisterung für die erste Platte trug mich aber über diese erste Enttäuschung hinweg, und so habe ich das Werk immer wieder aufgelegt und schon bald seine Reize bemerkt. Die größten Schwierigkeiten hatte ich immer mit dem ersten Song - das ist (vielleicht gewollterweise?) der sperrigste. Schon bald stellte sich heraus, daß ich viele andere Musik, die ich seit Ende der 80er geliebt hatte, nicht mehr hören konnte. Auch neuere Sachen, von denen ich schnell begeistert war: Vieles habe ich mir ebenso schnell übergehört. Nicht so die Tikaram: Jedes Mal, wenn ich diese Platte oder CD höre, entdecke ich eine neue Tiefe in dieser Musik. Heute, nach 20 Jahren, erkenne ich, daß diese Musik nicht nur zeitlos ist, sondern damals ihrer Zeit schon weit voraus war. Würde heute eine Künstlerin eine Platte wie "The Sweet Keeper" vorlegen, sie wäre sofort die große Neuentdeckung. Eine Neuentdeckung kann man Tanita Tikaram nur wünschen. Diese Musik ist nicht langweilig oder schlecht. Sie ist schwer zugänglich, weil sie von ungeheurer Tiefe ist. Und wenn man sich erst einmal hineingehört hat, lebt sie mit einem, begeistert einen immer wieder aufs Neue und wächst mit einem - ich genieße das seit 20 Jahren.