Es mögen sich die Geschmäcker streiten über Tim Burton, den seltsamen Visionär des Fantasy-Genres, doch ist seine Verfilmung des Sondheim-Klassikers "Sweeney Todd" bis jetzt zurecht mit Lob überhäuft worden. Der Soundtrack steht dem in nichts nach. Die gewaltigen Stimmen der Lansbury und des Herrn Cariou von der Broadway-Aufnahme mögen manchen Fans noch sehr ins Gedächtnis eingebrannt sein, so fällt die Umgewöhnung auf den neuen Soundtrack möglicherweise etwas schwer. Helena Bonham Carter hat eine recht schwache Singstimme, doch gleicht sie dies mit ihrem enormen Schauspiel-Talent aus und erfindet die Figur der Nellie Lovett völlig neu. Wenn man offen dafür ist, wird man sicherlich seine Freude an ihren Songs auf dem Album haben. Die größte Überraschung ist aber wohl Johnny Depp, der im Gegensatz zu seinen Vorgängern in der Rolle, einen frisch-modernen Rocktenor einsetzt, welcher die dunklen Gefühlswelten des Sweeney Todd auf spannende neue Art und Weise nachvollziehbar macht - eine ganz große Leistung. Alan Rickmann macht in seinen Momenten zusammen mit Depp ("Pretty Women"!) eine sehr gute Figur. Jayne Wisener und Jamie Campbell Bower holen aus ihren kleinen Parts des Junge-Verliebte-Subplots das Beste heraus. Laura Michelle Kelly als die Bettlerin darf als die einzige ausgebildete Sängerin im Cast den schrägsten Part singen - und macht es wirklich wundervoll^^ Die heimlichen Stars sind jedoch Sacha "Borat" Cohen in einem wahnsinnig witzigen Cameo als Signor Pirelli (die letzte Note in "The Contest" ist einfach unglaublich!) und der jugne Ed Sanders als Toby (der Junge hat eine große Zukunft vor sich!). Zur Musik an sich sei gesagt: Sondheim schreibt nicht gefällig, aber intelligent. Man muss die Musik vermutlich mehr als einmal hören um sie lieben zu lernen, doch aufgrund ihrer Komplexität findet man bei jedem Hören neue Details. Dies ist vermutlich Sondheims bester Score, und die düstere Thematik als auch die Tatsache, dass die Musik sich, passend dazu, selbst sehr ernst nimmt, könnte dazu verhelfen, dass auch Leute die sonst nichts für Musicals übrig haben etwas damit anfangen können - man muss sich nur darauf einlassen. Die Texte sind makaber, bitterböse, clever und zynisch. Warum von diesem Soundtrack nun zwei Versionen erschienen sind weiß ich allerdings auch nicht. Was für einen Sinn macht es eine Version ohne das wunderschöne 80-seitige Booklet und mit 15 Minuten weniger Musik drauf zu machen und diese für ein paar Euro weniger zu verkaufen? Ich rate auf jeden Fall jedem zu der Deluxe-Version. Leider befindet sich auch auf dieser nicht das grandiose instrumentale Medley, das im Abspann läuft - aber man kann halt nicht alles haben^^ Wo wir gerade beim Thema sind: die Orchestrationen sind ein wahrer Genuss und rechtfertigen allein schon den Kauf auch für Skeptiker und Puristen des Originals. Soviel sei gesagt: Der Film ist keine Kopie der Broadway-Aufnahme (viele Stücke wurden gestrichen (z.B. die bekannte Eröffnungsnummer "The Ballad of Sweeney Todd" - allerdings in eine aufregende Instrumentalsequenz umgewandelt) oder gekürzt), aber das soll sie auch gar nicht sein - es ist eine frische neue Version die sich sehr vom Original unterscheidet und doch die Essenz des verdrehten Plots und der genialen Musik einer neuen Generation näherbringt. Uneingeschränkte Kaufempfehlung!